»Aber, wie gesagt – da wird alles Mögliche geredet – denn wovon reden die Leute nicht – und wenn man nachher zusieht, wer etwas weiß, ist niemand, der etwas Sicheres weiß. Darum mein' ich schon, es ist halt das beste, man spricht nicht davon. Und ich für mein Teil, ich meine, es ist gut, wenn einer keine Verpflichtung hat, sich um gewisse Dinge zu bekümmern. Dann soll er sich auch nicht darum bekümmern. Und ich habe keine Verpflichtung, mich geht's nichts an – also bekümmere ich mich nicht drum.«

Damit lehnte er sich tief in die Wagenecke zurück, wie jemand, der genug gesagt hat und nichts weiter sagen will. Der andre schien es zu fühlen und schwieg. Die Andeutungen des Arztes hatten ihm die Sache beinahe noch dunkler gemacht, als sie gewesen war. Irgend ein Vorgang mußte sich da oben abgespielt haben, vielleicht sogar ein schrecklicher, aber was?

Immerfort sah er das stumme Licht hinter den Fenstern des toten Hauses dahinwandern, von Zimmer zu Zimmer, wie ein schlummerloses böses Gewissen, immerfort das zuckende Umherfahren der Leuchte, das Suchen in den Ecken der Gemächer, am Fußboden entlang, unter Möbeln und Betten, das wilde verzweifelte Suchen. Wer war der nächtliche Wanderer? Wen suchte das Licht? Ein Schauder bedrückte ihm das Herz – was mochte das finstere Haus gesehen haben?


In den Breslauer Gesellschaftskreisen war vor einiger Zeit eine Persönlichkeit aufgetreten, deren Erscheinen in den Familien, denen sie Besuch machte, jedesmal eine gewisse Aufregung, eine Mischung von geschmeicheltem Stolz und von beklommener Sorge hervorrief. Das war der Baron Eberhard von Fahrenwald.

Alle Welt kannte den Namen und den Reichtum des Geschlechts, alle Welt aber munkelte auch, daß es mit den Fahrenwalds nicht recht richtig sei.

Jahrelang nach dem Tode des Vaters war der Baron Eberhard unsichtbar, wie verschwunden gewesen. Wo hatte er gesteckt? Einige behaupteten, er hätte Reisen um die Welt gemacht, andre, er wäre gar nicht von seinem Schlosse fortgekommen, sondern hätte vergraben und verborgen unter seinen Büchern gelebt, eine dritte Art von Berichterstattern endlich wußte zu erzählen, daß er ganz einfach in einer Anstalt untergebracht gewesen sei. Anverwandte, von denen man Gewisses und Genaues hätte erfahren können, waren nicht vorhanden; die Fahrenwalds waren wie ein alter, verdorrender Baum, der keine Aeste mehr treibt, von dem nur noch der Stamm übrig geblieben ist.

Und nun tauchte diese geheimnisvolle Persönlichkeit plötzlich auf, machte Besuche und that alles das, wodurch Menschen anzudeuten pflegen, daß sie mit Menschen verkehren wollen. Und doppelt auffällig – seine Besuche galten vornehmlich den Familien, wo Töchter im Hause waren. Was hatte das zu bedeuten? Etwa, daß er daran dachte –? Man konnte es den Eltern im Grunde nicht verdenken, wenn sie sich aufgeregt fühlten.

Einen Freiherrn von Fahrenwald zum Schwiegersohn zu besitzen, die eigene Tochter als Gebieterin eines großen Vermögens, als Besitzerin eines von aller Welt gepriesenen Herrensitzes zu wissen – unter normalen Umständen wäre es ja ein Ziel gewesen, »aufs innigste zu wünschen«. Aber so – wie nun einmal die Verhältnisse jetzt lagen –

Erklärlicherweise bemächtigte sich die Aufregung der Eltern in noch stärkerem Maße der Töchter selbst. Neugier mischte sich mit Grauen; es war eigentlich ein noch nie dagewesener Gesellschaftsreiz.