Sobald es feststand, daß der »verrückte Baron« – denn unter dieser Bezeichnung ging er kurzweg – zu einer Gesellschaft eingeladen sei und erscheinen würde, flogen die jungen Damen auf, von Haus zu Haus, herüber und hinüber, und es gab ein Gewisper und Geflüster, ein Kichern und Lachen, und ein wollüstig wonnevolles Graueln.
Wie doppelt begehrenswert man sich erschien! Wie man sich gegenseitig darauf ansah, auf welche von ihnen wohl der unheimliche Mensch die Augen richten, nach welcher von ihnen er die Hand ausstrecken würde! Die blühenden Wangen beugten sich zu einander, die kleinen Hände drückten sich mit gegenseitigem Verständnis – es war wie ein erregter Taubenschwarm, über dem der Habicht in Lüften steht.
Man kann sich hiernach vorstellen, wie eigentümlich und gepreßt der Empfang war, der dem Baron Eberhard von Fahrenwald zu teil wurde, so oft er in Gesellschaften erschien.
Seine persönliche Erscheinung und die Art seines Auftretens bestärkte alles das, was über ihn gemunkelt und geredet wurde.
Man wußte, daß er stets von seinem Diener begleitet wurde, der nie von seinen Schritten wich und ihm zu jeder Gesellschaft folgte.
Dieser Diener war ein langer, hagerer, eisgrauer Mann, mit einem von schweren Runzeln durchfurchten Gesicht, aus dem eine starke, gekrümmte Nase hervorragte. Stets in schwarzem Frack und weißer Krawatte, wie ein versteinerter Ueberrest aus der Zeit, da es noch große Herren und große Kammerdiener gab.
Nie hatte man ein Wort aus seinem Munde vernommen, kaum einmal hatte man gesehen, daß er nach rechts oder links blickte – an einem einzigen Gegenstande haftete sein Denken und Sinnen, das war sein Herr.
Jeden Abend, wenn er den Baron zu einer Gesellschaft begleitete, wiederholte sich ein besonderer Vorgang: er stand hinter seinem Herrn und nahm ihm mit schweigender Würde den Mantel ab; währenddem wandte der Baron sich zu ihm um und sagte: »Geh nach Haus, Johann, und hole mich nachher ab.« Jedesmal, so oft der Baron dieses sagte, verneigte sich der alte Johann, feierlich wie ein Senator, nahm den Mantel seines Herrn an sich und ging nicht nach Haus. Im Dienerzimmer setzte er sich nieder, ernst, würdevoll und schweigsam, und wartete, bis die Gesellschaft zu Ende war. Sobald der Baron dann heraustrat, stand der Alte schon wieder da, den Mantel in beiden Händen, stumm, regungslos, wie eine Bildsäule. Natürlich hatten die Diener und Hausmädchen der Häuser, wo die Gesellschaften stattfanden, sich bemüht, den komischen alten Kerl zum Sprechen zu bringen und über seinen Herrn auszuholen, aber sie hatten ihre Versuche aufgeben müssen; sie hätten ebensogut zu einem Stein sprechen können; der Alte hatte nicht einmal gethan, als ob er sie überhaupt vernähme.
Ein einziges Mal hatte er ein Lebenszeichen gegeben – der Fall war sorgfältig registriert worden – als einmal ein schnippisches Stubenmädchen in seiner Gegenwart gesagt hatte, nun würde der Herr Baron wohl nächstens heiraten und eine Frau Baronin nach Haus bringen. Er wäre so zusammengezuckt, erzählte das Mädchen, als er das gehört, daß es nicht anders ausgesehen hätte, als wenn er sich schüttelte, und dann hätte er sie mit einem Blick angesehen – ganz gräßlich, sagte das Mädchen. Und dann hätte er die Achseln gezuckt, ganz hoch hinauf, und alsdann wieder stumm dagesessen. Und das Achselzucken, das hätte ausgesehen, als wollte er sagen: »Was redst du denn? Weißt du denn nicht, daß er verrückt ist?«
Seitdem stand es für die Dienerschaft fest: der Baron von Fahrenwald war verrückt. Der alte Johann war sein Wärter, und der Wärter hatte es gesagt.