Den Weg, den sie das erste Mal gegangen waren, die Buchenallee, wandelten sie nun entlang. Heute war kein Aufruhr in der Natur wie damals; das magere junge Laub hing still zu ihren Häupten; heute brauchte sie sich nicht an ihn zu drängen in ängstlicher Beklommenheit; alles war so friedlich, so ruhig, auch er, an dessen Arm sie ging. Ja – er war so ruhig, daß es beinahe wie eine leise Schwermut aussah.

In den Seitenweg bogen sie alsdann ein, und nun war es wirklich ein Meer von wogenden grünen Wipfeln, das ihr entgegenrauschte. Die weißen Kastanien hatten schon abgeblüht, aber wie versprengte Rubinen flammten hie und da die Blüten der roten im Blätterdickicht auf. Am Himmel lag purpurner Wiederschein der gesunkenen Sonne, und alles war so groß, so wunderbar und schön, daß Annas Herz in tiefer, wonnevoller Seligkeit überschwoll.

»O Eberhard,« flüsterte sie, »freust du dich denn auch so wie ich?«

Er blickte zärtlich auf sie nieder und drückte schweigend ihren Arm. Sie befanden sich gerade an der Stelle, wo er ihr damals gesagt hatte, daß sie seine Sonne sein sollte und daß er die Erde wäre, die sich um die Sonne dreht.

Wie wild hatte er sie damals umfaßt – wie sanft und ruhig war er heute. Hatte sich etwas in ihm verändert seitdem? Nun – jedenfalls war es besser so, wie es heute war. Jetzt kamen sie in die Nähe des Schlosses, und wieder blieb Anna mit einem Ausrufe der Ueberraschung stehen; von oben bis unten war das mächtige alte Gebäude mit frischem hellen Farbenanstrich versehen.

Eberhard lächelte.

»Es war eigentlich noch zu früh im Jahre zum Anstreichen,« sagte er, »aber ich wollte, daß dir das Haus ein freundlicheres Gesicht zeigen sollte, als das erste Mal.«

Sie neigte das Haupt in stummen Gedanken. Jeder ihrer Wünsche war in seinem Gedächtnis niedergelegt, wie ein Wertstück in den Händen eines treuen Verwalters.

Durch die Halle mit den Jagdtrophäen schritten sie hindurch, welche heute abend durch zwei große, in den Ecken aufgestellte Kandelaber erhellt wurde, und eben solche Kandelaber standen im Flure am Fuße der großen Treppe. Große, schwere, altertümliche Leuchter, mit steif gestreckten Armen von Messing, mit dicken Wachskerzen besteckt.

Auf jedem Treppenabsatze stand ein solcher Kandelaber und in gleicher Weise waren Flur und Gänge beleuchtet. Ein stilles, schweres, goldiges Licht.