»Heut gehen wir nicht durch die Bibliothek, sondern gleich in dein Zimmer,« sagte der Baron, als sie die Treppe erstiegen hatten. Er führte sie den Gang entlang, der auf den Flur stieß, dann that er eine Thür auf, die sich von links auf den Gang öffnete, und nun schlug Anna, geradezu entzückt, beide Hände ineinander. Sie waren in ihren Gemächern angelangt, die Fenster standen offen, und durch sie hinaus blickte man in den Park und über den Park hinaus in die weite grünende Landschaft. Im Kamin, den Fenstern gegenüber, flackerte ein lustiges Feuer von Fichtenscheiten; der harzige Duft des brennenden Holzes vermengte sich mit der einströmenden Frühlingsluft zu einem feinen, köstlichen Wohlgeruch. An den Wänden, die mit einer hellfarbigen, mit blaugoldenen Mustern geschmückten Tapete bedeckt waren, hingen Landschaftsbilder, die aus den nebenanliegenden Gemächern hierhergeschafft worden waren; ein Schreibtisch in allerliebstem Schnörkelstile in einer Fensterecke, Stühle mit silberdamastenen Polstern, und ein Ruhebett von dem gleichen Stoffe; zwischen den Fenstern ein hoher Wandspiegel, in schwerem goldbronzenen Rahmen, und das Ganze überflutet vom sanften Lichte eines zierlichen, von der Decke herabhängenden Kronleuchters, und mehrerer, in den Ecken verteilter Lampen, deren Glocken mit roter Seide umhüllt waren. Ein Aufenthalt, wie für eine Fee, hergerichtet von einem guten Geiste.

Der Baron öffnete die Thür zum Nebenzimmer, wo eine große Glasglocke, blau verschleiert, von der Decke schwebte und ein trauliches Licht verbreitete. An der gegenüberliegenden Wand, unter einem Zelte von mattblauer Seide, stand ein Bett, kostbar und reich im Gestell, schneeweiß leuchtend mit seinen Kissen und Linnen vom feinsten Gespinst.

Sprachlos, von Dankbarkeit überwältigt, hing Anna am Halse ihres Gatten; so viel hatte sie von ihm empfangen, dies aber war doch das Höchste. So beschenkt nur ein Mensch, dessen Seele uns nachgeht, ununterbrochen und überall.

»Ich denke,« sagte der Baron, »wir rufen jetzt deine Jungfer, damit du die Reisekleidung abthust und es dir bequem machst!«

Er ließ den Blick umhergehen; auf Stühlen und Sofas des Schlafzimmers lagen Annas eben ausgepackte Kleidungsstücke verstreut; eine Haus- und Morgentoilette von rosarotem Wollenstoff lag obenan, zum Gebrauche bereit.

»Ich gehe unterdes zu mir hinauf,« fuhr er fort, »und wenn ich wiederkomme, abendbroten wir, und wenn es dir recht ist, lassen wir hier in deinem Zimmer anrichten, hier ist es gemütlicher, als da drüben.«

»Zu mir hinauf,« hatte er gesagt – sie sah ihn fragend an.

»Wo wohnst denn du eigentlich?«

»O – ziemlich weit von hier,« gab er zur Antwort, »da oben im zweiten Stock.«

Er sah die Ueberraschung auf ihrem Gesicht; aber es war, als wollte er weitere Fragen abschneiden. Er nahm ihren Kopf zwischen die Hände, küßte sie auf den Scheitel und mit einem »auf Wiedersehen« ging er hinaus.