Von der Thür aus hatte er ihr lächelnd zugenickt. Bildete sie es sich nur ein, oder war in seinem Lächeln etwas Gezwungenes gewesen?
Sie begab sich in ihr Schlafgemach, wo die Jungfer bereits auf sie wartete. Es war ein Mädchen vom Dorfe, nicht übermäßig geübt in den Künsten feinerer Bedienung. Schweigend, und nicht ohne Verlegenheit wartete sie ihres Amtes. Kaum weniger verlegen aber war die Gebieterin selbst. Es war das erste Mal, daß Anna sich beim Aus- und Ankleiden bedienen ließ; mit innerlichem Lächeln gestand sie sich, daß das Prinzessinsein gelernt sein wollte.
Als sie in ihr Wohnzimmer zurückkehrte, stand inmitten desselben der Tisch mit dem Abendbrote bereits angerichtet. Eberhard war noch nicht wiedergekommen, sie war allein. Sie trat an eines der beiden Fenster, kniete auf einen Stuhl und lehnte sich auf das Fensterbrett, in die weiche dunkle Luft hinausträumend.
Nachdem sie ein Weilchen so gelegen, fuhr sie auf und sah sich um – und richtig, da stand er hinter ihr in der Thür. Sie hatte ein Gefühl, als hätte er sie schon längere Zeit schweigend betrachtet.
Er stand so regungslos – in seiner aufgereckten Gestalt war eine Art von lautloser Spannung, in seinen Gesichtszügen eine Art von Starrheit, als hätte ein Kampf getobt, der zur Ruhe gezwungen worden war.
Indem Anna sich aufrichtete, glitt ihr eines der braunsamtnen Pantöffelchen, die sie trug, vom Fuße; jählings neigte er sich herab und küßte sie auf die Fußsohle, die nur noch vom seidenen Strumpfe bedeckt war.
Ebenso rasch richtete er sich wieder auf.
»Verzeih!« sagte er. In Verwirrung trat er zurück.
Lachend warf sie sich an seine Brust.
»Aber was soll ich dir denn verzeihen?«