Aber während sie schlief, war droben im zweiten Stock einer, der nicht schlief, das war ihr Mann, der Baron Eberhard von Fahrenwald, der in sein Zimmer gelangt war, die Thür verriegelt hatte und nun in seinem Zimmer auf und nieder ging, ohne Aufhören und ohne Rast, wie ein wildes Tier hinter den Stäben des Käfigs.
Die Ruhe, die er sich den ganzen Tag hindurch aufgezwungen hatte, war dahin, abgesprengt von seiner Seele, wie die Kruste, die sich auf die Lava im Krater gelegt hat und die in alle vier Winde fliegt, sobald der Vulkan da drunten lebendig wird. All die dunklen Gewalten, die in den Tiefen seiner Seele brodelten, hatten Feuer gefangen, all die wilden Instinkte, die da drunten, wie Ungeheuer im Tropenschlamme, vergraben lagen, reckten plötzlich die Häupter; sie wollten sich nicht mehr bändigen lassen, wollten nicht mehr dem befehlshaberischen »nein« gehorchen, mit dem er sie damals für einen Augenblick niedergezwungen hatte, wollten nicht mehr; jetzt hatten sie ihn, jetzt schüttelten sie ihn, daß ihm die Glieder am Leibe flogen, und wie mit feurigen Geißeln peitschten sie seine Phantasie. Immerfort sah er es vor sich, das Weib da unten, das junge, blühende Weib, zu dem es ihn hinriß. Jeden ihrer Schritte begleitete er mit seinen Gedanken. Er sah, wie sie ihr Schlafgemach betrat, wie sie langsam anfing, sich zu entkleiden. Ganz deutlich, ganz handgreiflich sah er das. Stück nach Stück sank die Gewandung herab; jetzt breitete sie die schneeweißen Arme nach ihm, und jetzt geschah etwas – mitten im Zimmer blieb er jählings stehen, die Hände an die Schläfen gedrückt, die Augen weit offen, wie fest gebannt von einer furchtbaren Vision. War das er, den er da sah, der sich wie ein reißendes Tier über das hüllenlose Weib herstürzte: Ja, ja, ja! Wie hatte der Alte damals gesagt? Wenn er heiratete, würde er jemanden umbringen. So hatte der Alte gesagt, und das hatte ein Arzt dem Alten gesagt. Also mußte es so sein, und so war es ja auch, und nun wußte er ja auch, wer das war, den er umbringen würde! Und also kam der Wahnsinn doch! Und all das Kämpfen, all das Ringen, all das Sichzurwehrsetzen war vergeblich gewesen, alles, alles?
An einem Sessel brach er in die Kniee; mit beiden Fäusten griff er sich ins Haar; er schlug die Stirn auf den Stuhl; ein heiseres Keuchen, beinah wie ein dumpfes Geheul, brach aus seiner Kehle.
»Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!«
Dann ließ der Sturm nach; gebrochen blieb er am Boden liegen, und nach einer Stunde dumpfen kraftlosen Vorsichhinstarrens raffte er sich auf und schleppte sich nach seinem Lager.
Während sich dies begab, war dort oben im zweiten Stock noch jemand wach. Das war der alte Johann.
Er schlief nicht. Nein. Er wußte ja, daß er von jetzt an überhaupt nie mehr schlafen durfte. Seit heute war die »Einbrecherin« im Schloß. Das Unheil war eingezogen, jetzt hieß es, Wache halten! Das war sein Amt, seine Pflicht. Darum von nun an die Augen aufbehalten! Nicht mehr schlafen! Nie mehr schlafen!
Der Baron hatte ihm verboten, sich zu zeigen, wenn er heute nachmittag mit seiner jungen Frau ankommen würde.
Natürlich hatte er gehorcht; alte Haushunde sind gehorsam, aber wachsam sind sie auch. Und sie haben Zähne!
Er hatte auch ganz recht gehabt, der Herr Baron, daß er ihn fortschickte, daß er »die Person« in Sicherheit vor ihm brachte, ganz recht, ganz recht, ganz recht.