In seinem Zimmer eingeschlossen, drei Stunden lang und mehr war er ununterbrochen hin und her gegangen, die knochigen Hände reibend, immerfort das eine Wort murmelnd »ganz recht, ganz recht, ganz recht«.

»Ganz recht, daß du mich nicht an sie heranläßt – denn wenn ich ihr zu Leibe könnte –« Bei diesem »wenn« knirschten seine Zähne, seine Fäuste streckten sich in die Luft.

Dann, als es elf Uhr geschlagen, hatte er gehört, wie jemand mit hastigen Schritten, als wenn er liefe, als wenn er flüchtete, die Treppe draußen heraufgekommen war. Er hatte gelauscht, hatte gehört, wie die Thür zum Zimmer des Barons aufgerissen, schmetternd zugeworfen und dann von innen verriegelt wurde.

Aha – also, schon heut am ersten Abend fing es an! Das war der Baron, den er da hatte kommen hören, der jetzt da drüben in seinem Zimmer saß, wie die Maus im Loch, wie die dumme Maus, der man Speck gestreut hat und die genascht hat und jetzt dahinter kam, daß der Speck vergiftet gewesen war! Er grinste übers ganze Gesicht, er mußte an sich halten, daß er nicht laut herauslachte, laut, daß man's durchs ganze Haus hörte.

Die dumme, dumme Maus! Es war doch eigentlich zu komisch! zu lächerlich!

Dann war er über den Flur geschlichen, an die Thür seines Herrn, hatte sich mit dem Ohr an das Schlüsselloch gebeugt und gehorcht, und wie er da drinnen das Hin- und Hergehen, das Rasen, das Keuchen und Schnaufen hörte, hatte er grinsend mit dem Kopfe genickt: »Siehst du, siehst du, siehst du wohl?«

Die ganze Nacht hätte er so stehen können und horchen, denn es verursachte ihm ein namenloses Vergnügen, zu hören, wie sein Herr da drinnen litt. Das hatte er nun davon, der unglückselige, verrückte Mensch, und das geschah ihm recht! Ein Glück nur, daß wenigstens ein Vernünftiger noch da war, einer, der noch zum Rechten sehen und die verfahrene Geschichte wieder herausreißen konnte. Und das war er, der alte Johann; und er würde sie wieder herausreißen, ja, das würde er! Noch wußte er nicht genau wie, aber fertig bringen würde er es, das wußte er, das sagte er sich, indem er jetzt über den Flur zu seinem Zimmer zurückging, nicht mehr schleichend wie vorhin, sondern hocherhobenen Hauptes. Denn ein Stolz erfüllte seine Brust, daß er sich vorkam, als wäre er jetzt eigentlich der Herr im Hause, als hätte er zu befehlen und kein andrer sonst.

Er konnte sich noch gar nicht entschließen, in seine Kammer zurückzukehren; es war ein Gefühl in ihm, als müßte er noch irgend etwas thun, etwas vollbringen; ein solches Kraftgefühl, daß er am liebsten laut gebrüllt hätte. Darum stieg er noch einmal die Treppe hinunter und wandelte durch alle Gänge des Hauses, alles im Dunkeln, ohne Licht, wozu brauchte er denn Licht? Er fand sich ja auch im Dunkeln zurecht in seinem Hause. Sein Haus – er drückte sich mit den Fingern die Lippen zu, damit sein Kichern nicht zum lauten Gelächter ward. Als er endlich zu seinem Zimmer zurückkehrte und über die Schwelle trat, bückte er sich. Er wußte, daß er plötzlich gewachsen war. Ja, ja, es war merkwürdig, aber wahr, er war gewachsen, mindestens um einen Kopf, darum mußte er sich in acht nehmen, sonst wäre er mit dem Kopfe oben an die Thür gestoßen. –


Der Frühling that seine Pflicht. Zu allen Ritzen und Löchern des Schlosses Fahrenwald schickte er am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen hinein, als wollte er dem alten Kasten bis in die finstersten Eingeweide hineinleuchten und wärmen.