Als der Baron an das Fenster seines Zimmers trat und hinunterblickte, sah er, daß andre schon früher aufgestanden waren als er. Einen Strohhut auf dem Kopf, das Kleid hoch aufgeschürzt, wandelte im Blumengarten unten eine Gestalt zwischen den Beeten auf und ab, bald rechts sich niederbeugend, bald links, so daß der breitkrämpige Hut bedächtig auf und nieder schwankte. Es war seine junge Frau.

Die Sonne hatte sie früh am Morgen geweckt und ihr keine Ruhe im Bette gelassen.

Als er ihrer ansichtig wurde, war ihm, als sänke die Nacht und alles, was in der Nacht gewesen war, wie ein Spuk hinter ihm nieder, in eine endlose Tiefe. Ohne sich zu besinnen, riß er das Fenster auf und »Anna!« rief er laut hinunter.

Als sie seine Stimme vernahm, richtete sie den Kopf zu ihm auf, und als sie ihn erblickte, hob sie die Hände an den Mund und warf ihm Kußfinger zu. Ihr Antlitz, vom gelben Hute umrahmt, strotzend von Fülle und Jugend, sah aus wie eine Sonnenblume.

»Komm herunter Eberhard,« rief sie zu ihm hinauf, »hier unten ist's wundervoll.«

Wie der Morgenruf der Lerche drang ihre Stimme an sein Ohr. Das Leben war ihm wiedergegeben, und da unten stand es vor ihm, leibhaftig verkörpert in dem geliebten Geschöpf.

Er lehnte sich weit über die Fensterbrüstung hinaus. »Gleich komm' ich, gleich,« sagte er; aber während er das sagte, blieb er ruhig im Fenster liegen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.

Sie stand und lächelte ihm zu und nickte; er nickte zurück. Dann zog sie ihr weißes Taschentuch hervor und wie mit einem Fähnchen winkte sie hinauf.

»Komm doch,« rief sie wieder, »komm doch endlich.«

Nun erhob er sich, um sich anzukleiden, und jetzt erst spürte er, wie schwer die Nacht ihn angegriffen hatte. Er taumelte beinah, und erst das kalte Brunnenwasser, mit dem er sich überströmte, brachte ihn wieder zu sich. Als er aber in den Garten zu ihr hinunterkam, vergaß er seine Schwäche und alle Leiden. Blaß war er freilich, aber das war sie ja an ihm gewöhnt; sie hüpfte ihm entgegen; er fing sie in seinen Armen auf, und als sie an seinem Herzen lag und die Liebe fühlte, die wie ein Strom aus diesem Herzen über sie dahinging, vergaß auch sie, daß sie gestern abend in Thränen eingeschlafen war.