Der Tag blieb dem Morgen treu, heiter und schön bis zum Ende. Aber weil er so schön war, wurde er für Eberhard von Fahrenwald anstrengend. Anna nahm ihn vollständig in Beschlag und schleppte ihn vom Morgen bis zum Abend im Park umher. Kaum daß sie ihm zu den Mahlzeiten Ruhe vergönnte.
Der Park hatte es ihr angethan; sie war geradezu darein verliebt. Bisher hatte sie ihn nur im allgemeinen kennen gelernt, nun sollte Eberhard ihr alle Winkelchen und Eckchen zeigen. Sie war in der Stadt groß geworden; die Natur, in die sie zum erstenmal hineinblickte, war für sie wie ein Märchenbuch, das man vor den Augen des Kindes aufschlägt. Jeder kleinste Vorgang darin war ihr ein Gegenstand des Staunens und Bewunderns. Unter jedem Baume, in dem eine Nachtigall saß, mußte Eberhard mit ihr stehen bleiben und dem Gesange lauschen; wenn ein Buchfink über den Weg vor ihnen herhüpfte, hielt sie ihren Begleiter am Arme fest, mit ausgestrecktem Finger zeigend: »Sieh doch nur, sieh! was für ein reizendes Tierchen!« Sie war vollständig zum Kinde geworden; sie brauchte nichts weiter, verlangte nichts weiter, sie war glücklich.
Der gestrige Abend mit seiner schwülen Erregung, seiner dumpfen Niedergeschlagenheit war in ihr ausgelöscht. Sie hatte ja ihren Gatten nicht recht begriffen, allerdings, aber sie hatte ja auch durch Erfahrung gelernt, daß man in solchen Augenblicken nicht in ihn dringen, ihn nicht fragen durfte; also fragte sie nicht.
Eine sinnliche Natur war sie nicht. Es kamen wohl Stunden und waren sogar dagewesen, wo ihr Blut heißer wurde – aber für gewöhnlich war ihr das Verlangen der Sinne fremd, und es bereitete ihr keine Schwierigkeiten, sich eine Ehe zu denken, in welcher die Eheleute wie zwei gute Freunde nebeneinander hergingen.
Und sie begann sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, daß ihr beiderseitiges Verhältnis fortan in dieser Art weitergehen würde.
Ob der Mann, der müden Schrittes hinter ihr drein kam, diese Gedanken in ihrer Seele las? Vielleicht.
Er war etwas hinter ihr zurückgeblieben, denn weil er ihr zu langsam ging, hatte sie sich von seinem Arme losgerissen. Nun sah er sie vor sich dahintrippeln mit hastigen, fröhlichen Bewegungen, den grün übersponnenen Laubgang entlang, durch dessen Dach die Sonne ihr Licht in verstreuten Funken herniederschickte, die junge Gestalt wie mit Edelsteinen übersäend.
Wie glücklich sie war! Und wie ihr Glück ihm die tiefste Seele erwärmte!
Aber wie harmlos auch, wie sorglos sie war! Wie so keine Ahnung sich in ihr regte von dem, was gestern abend in ihm vorgegangen war, von all dem Dunklen, Entsetzlichen!
War es nicht gut, daß es also war? Freilich war es gut. Aber warum seufzte er trotzdem innerlich auf?