Er fühlte, daß er dieses alles vor ihr verstecken mußte. Den einen Menschen, der in ihm war, den gütigen, liebevollen, edlen Menschen, den durfte er ihr zeigen, – den andern mußte die Nacht bedecken und das Dunkel, daß sie nie in sein Gesicht sah – denn wenn sie es gesehen hätte – Und also mußte er stark sein und immer stark, und allein für sich tragen und schweigen.

Und so, indem er sie vor sich herschlendern sah, im Sonnenlichte gebadet, sie selbst wie ein verkörperter Sonnenstrahl, kam er sich vor wie das dunkle Gewölk, das hinter dem Lichte einherzieht, in dessen Schoß das Ungewitter brütet, der Untergang des Lichtes und sein Tod. Wer war vorhanden, um das vertrauensvolle Licht davor zu bewahren, daß das Ungewitter es verschlang? Nur er selbst. Er selbst war ihre Gefahr und sollte ihr Beschützer vor ihm selbst sein. Indem er die furchtbare Anforderung empfand, die von nun an jede Stunde und Minute, jeder Anblick des ersehnten Weibes an seine Selbstbeherrschung stellte, überlief es ihn wie ein Grausen.

Würde er Kraft behalten? Immer? Es legte sich schwer auf seine Brust, beinahe wie eine Todesangst.

Und dieses Angstgefühl verließ ihn nicht mehr; es wurde zu einer bleibenden, körperlichen Beklemmung, und diese Beklemmung wuchs, je mehr der Tag sich zum Ende neigte. Das Dunkel erschreckte ihn; er fürchtete sich vor der Nacht. Als er daher gegen Abend mit seiner Frau ins Schloß zurückgekehrt war, ließ er alles, was an Lampen aufzutreiben war, anzünden, damit Licht würde, damit er sich das Tageslicht einbilden könnte. Denn bei Tage, so schien es ihm, hatte der Dämon keine Gewalt über ihn. Nur hatte er dabei vergessen, daß in dem Lichte, das jetzt, aus allen Spiegeln widerstrahlend, die Gemächer füllte, auch die Gestalt des Weibes um so leuchtender hervortreten mußte. Und gerade vor ihr fürchtete er sich ja am meisten. Heute, im Laufe des Tages, als sie mit ihm den Park durchtändelt hatte, war sie ihm wie ein kleines Mädchen, wie ein Kind erschienen, dem gegenüber die Sinne schweigen – jetzt, da die Nacht kam, wurde sie wieder zum Weibe. Jede Bewegung ihrer Glieder wuchs in seiner Phantasie zu einer verstrickenden Umarmung, jedes Rauschen ihres Kleides zu einem sinnbethörenden Lockruf.

»Ich ziehe mir meinen Morgenrock an,« hatte Anna gesagt, als sie ins Schloß zurückkehrten, und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt, zu sagen, »thu's nicht!«

Aber er sagte es nicht. Was hätte sie denken müssen? Wie hätte sie es verstehen können? Sollte er sagen, daß er wahnsinnig sei? Er selbst? Er lächelte.

»Freilich, freilich; wir gehen wohl heute früh zu Bett? Du wirst dich müde gelaufen haben?«

Als er zu ihr zurückkam, stand sie vor einem Bilde, mit einer Lampe hinaufleuchtend. Der weite Aermel des Schlafrocks war zurückgefallen, der volle weiße Arm kam bis über den Ellbogen hervor. Alles vergessend, wollte er mit einem Sprunge sich über sie stürzen – da wandte sie sich lächelnd um. Ein harmloses, ahnungsloses Kinderlächeln. Alles war für den Augenblick vorbei. Ruhig trat er zu ihr heran und nahm ihr die Lampe ab.

Heute, nachdem sie zu Abend gespeist hatten, wartete er nicht, bis die Uhr auf dem Kamin elf schlug.

»Du bist müde?« fragte er.