In dem Augenblick hatte er das Licht auf den Nachttisch gesetzt und ihren Arm mit beiden Händen ergriffen. Als wäre ihr Arm in einen Schraubstock gespannt – so war es. Es wurde ihr unheimlich.
»Aber – so sprich doch nur ein Wort,« bat sie leise.
Er sprach nicht; es war, als hörte er sie überhaupt nicht. Plötzlich ließ er ihren Arm fahren, griff sie mit beiden Händen an den Schultern und drückte sie in die Kissen zurück. Sie lag wie gefesselt unter seinen Händen, unfähig sich zu bewegen; ihre Augen blickten angstvoll in sein Gesicht empor, das mit steinernem, rätselhaftem Ausdruck über sie gebeugt war.
»Was thust du denn?« stammelte sie; dabei warf sie die Schultern hin und her und versuchte, sich seinem Griffe zu entwinden.
Als er die windenden Bewegungen ihres Körpers fühlte, bog er plötzlich den Oberleib zurück, richtete sich auf, sein Anblick wurde wie der eines wilden Tieres, das sich zum Sprunge auf die Beute anschickt.
Von Todesangst gepackt, fuhr sie auf und aus dem Bette. Keuchend stand sie, zu ihm hinüberblickend, der auf der andern Seite des Bettes stand. In das Zimmer ihrer Jungfer zu gelangen, vermochte sie nicht, weil er zwischen Bett und Thür war.
Als er jetzt aber eine Bewegung machte, als wollte er auf sie zu, stieß sie einen gellenden Schrei aus, und so wie sie war, mit nackten Füßen, nur im Hemd, rannte sie durch die Thür, durch die er gekommen und die hinter ihm offen geblieben war, in ihr Wohnzimmer. Halb sinnlos vor Angst drückte sie sich hinter dem Ruhebett nieder, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Ein Augenblick verging – dann erschien der Verfolger auf der Schwelle, das Licht haltend, mit dem Lichte nach ihr suchend.
Jetzt hatte er sie entdeckt – und wieder sprang sie auf und flüchtete weiter, in das nächste Zimmer. Hinter ihr kam er her, mit langen Sprüngen. Aus dem zweiten Zimmer ging es in das dritte, in das vierte und weiter, immer weiter, durch alle Zimmer hindurch, die Galerie entlang, bis daß sie endlich im Bibliotheksaale, am Ende der Zimmerflucht angelangt war und sich bewußt wurde, daß es nun nicht weiter ging, daß sie gefangen war, verloren war. – Mitten im Saale, die entsetzten Augen auf ihn gerichtet, blieb sie stehen, beide Arme reckte sie in die Höhe, – ein verzweifeltes Geschrei – und jählings, mit schwerem Fall schlug sie auf den Fußboden nieder, ohnmächtig, wie eine Leiche anzusehen.
Als dies geschah, als er den Schrei vernahm und die weiße Gestalt zusammenbrechen sah, blieb der Mann stehen und sah sich einen Augenblick wie verwundert um. Es sah aus, als müßte er seine Erinnerung sammeln. Dann kam er, das Licht hoch haltend, mit vorsichtigen Schritten da heran, wo das da am Boden lag, das Weiße. Er senkte das Licht und leuchtete über die regungslose Gestalt hin, richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zurück. Er setzte das Licht auf den Tisch, und auf die Tischplatte niederstarrend, fing er wieder an, sich zu besinnen, nachzudenken, nachzudenken. Dann erhob er die Augen, richtete sie dumpf brütend den Fenstern zu, hinter denen die schwarze Nacht hing, und nun war es, als käme aus weiter Ferne der Nacht ein Licht heran, ganz fern erst, ganz klein, aber näher kommend, immer näher, bis daß es sein Gesicht erreicht hatte, bis daß es in seine Augen gestiegen war. Und nun begannen die Augen, die bis dahin gläsern gestiert hatten, wieder zu sehen, die Züge des verwandelten Gesichts wandelten sich wieder zurück, und nun war es wieder Eberhard von Fahrenwald, der dort am Tische stand.
Mit einem Ruck, daß die Gelenke in seinem Leibe krachten, richtete er sich plötzlich in die Höhe, ergriff noch einmal das Licht und trat heran – im nämlichen Augenblick aber flog er rückwärts, als wenn ein Stoß ihn zurückgeworfen hätte. Auf dem glatten Parkett des Fußbodens schlug er der Länge lang hin, mit dem Gesicht am Boden, beide Hände in den Mund stopfend, mit den Zähnen in die Hände beißend, daß das Blut herabtroff. Ein gurgelndes Röcheln, ein ersticktes Heulen wühlte sich aus ihm heraus und in den Fußboden hinein; dann kroch er bis zu dem nächsten Stuhle, arbeitete sich mühselig an dem Stuhle auf, bis daß er auf den Füßen stand, und nun, wie ein Mensch, der nicht mehr gehen kann, dem das Rückgrat gebrochen ist, schleppte er sich, die Augen immerfort auf die Gestalt am Boden dort gerichtet, bis an die Thür, die aus dem Bibliotheksaale auf den Flur führte. An der Thürklinke hielt er sich mit beiden Händen aufrecht, das Haar klebte ihm im Gesicht, eine dicke Feuchtigkeit – war es Schweiß, war es Blut, waren es Thränen – rieselte ihm vom Gesicht; es war, als wenn er weinen wollte, aber er vermochte es nicht – als wenn er etwas sagen wollte, aber er vermochte es nicht – nur ein Aechzen wurde vernehmbar: »Anna – Anna – Anna« und diesen Namen wiederholend und fortwährend, sinnlos wiederholend, schob er sich zur Thür hinaus. Sobald er aber die Thür hinter sich hatte, fühlte er sich von einem eisernen Arm umschlungen und aufrecht gehalten. Der Mann war da, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, und dem er nun wieder gehörte, der alte Johann.