»Kommen Sie nur, gnädiger Herr,« sagte er mit starker, harter Stimme, »kommen Sie nur und lassen Sie mich machen. Jetzt wird sich alles wieder geben.«
Er führte den gebrochenen Mann, der hülflos, willenlos in seinem Arme schwankte, die Treppe hinauf, in sein Zimmer; er brachte ihn zu Bett, wie ein Kind; er deckte ihn zu.
»Nun schlafen Sie,« sagte er laut, beinah befehlend; dann sah er sich noch einmal in den Zimmern um: kein Messer da? Keine Schere? Kein Werkzeug irgend welcher Art? Nichts. Er rieb sich die Hände; so stolz war er! so vergnügt! An den Fenstern machte er sich noch zu schaffen, und es dauerte ziemlich lange, bis er damit fertig war; er hatte einen Schraubenbohrer in der Tasche und Schrauben; sämtliche Fenster in den Zimmern des Barons schraubte er zu – für alle Fälle – man konnte ja nicht wissen. – Dann riegelte er die Räume seines Herrn von außen ab und nun war er fertig, nun hatte er ihn da drin, nun hatte er ihn sicher. Als er auf dem Flur draußen stand, reckte er sich lang auf. »Ah« – sagte er laut vor sich hin und jetzt brauchte er sich ja keinen Zwang mehr anzuthun, jetzt konnte er lachen und er lachte, laut, immer lauter, zuletzt brüllend. Mit den flachen Händen schlug er sich auf die Lenden; »wer hatte nun recht behalten?«
Vom Augenblick an, als der Baron in der Nacht sein Zimmer verlassen hatte und hinuntergegangen war, hatte er ja alles mit angehört.
»Jetzt kommt's,« hatte er sich gesagt, indem er im Dunkel hinter ihm hergeschlichen war. Dann hatte er den Ruf in Annas Schlafgemach vernommen, das Jagen und Laufen durch die Zimmer, endlich den letzten Schrei und das Fallen des Körpers im Bibliotheksaale.
»Jetzt hat er sie totgeschlagen,« hatte er sich gesagt, und er hatte an sich halten müssen, um nicht schon da lachend herauszuplatzen. In dem Augenblick war er ja noch Diener gewesen, da hätte es sich nicht geschickt.
Aber jetzt – jetzt blieb nur noch zu thun, daß er sich danach umsah, wo der Leichnam lag. Zu dem Zwecke ging er jetzt nach dem Bibliotheksaal.
Einen dicken Stock trug er in der einen, eine brennende Laterne in der andern Hand. Warum er den Stock mitnahm? Er hatte so ein Gefühl, als könnte sich möglicherweise eine Gelegenheit bieten, – er wünschte sich eine Gelegenheit – er hatte so ein Bedürfnis, auf irgend etwas loszuhauen, irgend etwas zu zerschmettern, irgend etwas, am liebsten aber menschliche Glieder und einen menschlichen Körper. Er hieb mit dem Stock auf das Treppengeländer, daß es krachte. Ah – wie ihm das wohl that! Wenn »sie« so vor ihm gelegen hätte! Wenn er so auf »sie« hätte loshauen können, daß ihre Glieder unter seinen Streichen zerflogen wären wie Glas! Aber der Baron hatte ihm ja schon vorgearbeitet. Jetzt war er nur noch neugierig zu sehen, wie er es gemacht haben, wie er »sie« zugerichtet haben würde. Mit der lüsternen Begier der blutdürstigen Natur, die dem Anblick von irgend etwas Gräßlichem entgegengeht, trat er in den Bibliotheksaal ein, sah sich um – und blieb enttäuscht stehen. Der Saal war ja leer?
Die Jungfer, die Thür an Thür mit ihrer Gebieterin schlief, war von dem dumpfen Rumoren in Annas Schlafzimmer aufgewacht. Anfangs nur halb ermuntert, war sie ganz wach geworden, als sie den gellenden Schrei nebenan vernahm.
Rasch war sie aufgestanden, hatte Licht angezündet und war eingetreten. Nun sah sie Annas zerstörtes Bett, von dem die Decken heruntergeworfen waren, in dem die Kissen wüst und wild durcheinander lagen. Sie sah die Thür zum Nebenzimmer offen, und in dem Augenblick vernahm sie von drüben, aus der Ferne, Annas verzweifelten Schrei. Im ersten Augenblick hatte sie in ihr Zimmer zurücklaufen und den Kopf unter die Bettdecke stecken wollen. Aber dann hatte sie sich gesagt, daß das nicht recht wäre, daß der Frau Baronin etwas zugestoßen sein müßte, der armen jungen Frau Baronin, die so gut zu ihr war, von der sie nie ein böses Wort zu hören bekam, und daß es ihre Pflicht sei, zuzusehen, was geschehen war. Darum hatte sie sich rasch in die notdürftigste Kleidung gesteckt, und zitternd, mit schlotternden Gliedern, war sie die Zimmerflucht entlang bis nach dem Bibliotheksaale gegangen.