Ein Mensch, in dem ein furchtbares Blut furchtbare Leidenschaften geheizt hatte, dem das wilde Blut keine Ruhe gelassen hatte, bis daß er die That vollbrachte, und in dessen Seele, nachdem die That geschehen war, mit der gleichen elementaren Gewalt des bösen Antriebs der Rückschlag gekommen war, die Reue.

Ein Schauer überlief mich. Der Angehörige der modernen Zeit, der nervenschwachen, willensschwachen und gefühlskranken Zeit beugte sich unwillkürlich vor einer Vergangenheit, in der es keine Nervenleiden, aber Seelenschmerzen gab, in der man so schrecklich zu thun und so schrecklich zu bereuen vermochte.

Wie sie ihn gepackt haben mußte, die Reue! Wie sie ihn geschüttelt, zerrissen und zerfleischt haben mußte!

Mir war, als sähe ich ihn, wie er zum Beichtiger in den Beichtstuhl kniete, mit heulenden Thränen sein Bekenntniß stammelnd, mit klappernden Zähnen sein: »Was soll ich thun? Was soll ich thun?« herausfragend.

»Faste, bete, kasteie Dich,« kam die Antwort, »und baue eine Kirche.«

Und er fastete, betete, kasteiete sich und baute eine Kirche. Eine große Kirche, eine mächtige; je mächtiger, desto besser, wie eine Riesenlast, die er auf den Wurm wälzen wollte, der an seiner Seele fraß, daß sie den Wurm erdrückte.

Und als die Kirche erbaut, war Alles umsonst; der Wurm war nicht erdrückt, lebte immer noch und nagte und nagte.

Da, als er fühlte, daß sein Leben zum Ende ging, ließ er einen Maler an das Bett rufen, auf dem er versiechend lag und hieß ihn sein Bild malen. Nicht ein Bild, das ihn darstellte in Kraft und Gewandung seines Lebens – denn offenbar war es ein reicher und mächtiger Mann gewesen – sondern so, wie er sich in seinem Jammer fühlte, als armen Sünder, in aller Naktheit der schuldbewußten Seele, von Flammen gebrannt, von dem Schlangenrachen der Reue zerfleischt.

Er selber gab die Inschrift an, die man auf das Bild setzen sollte, und bestimmte, daß es aufgehängt würde in der Kirche, die er selbst gebaut, sein eigenes Ich im eigenen Werke eingesperrt, sein Schatten, den er von Grabesruhe und vom Frieden des Vergessens ausschloß, damit es dort hinge wie der graue Aschenrest einer schrecklichen Feuersbrunst, wie der fahle Widerschein eines mit Blut gemalten Vorgangs, so lange die Kirche stehen würde, Jahrhunderte lang, immer und für alle Zeit. Immer wieder, so oft die Augen zukünftiger Menschen sich auf das Bild richten würden, den Schauder erweckend, der mit tastenden Fühlfäden hinunter langte in das Grab, wo der Verbrecher lag, und für immer, wenn kein Besucher in der Kirche war, mit sich allein in der furchtbaren Einsamkeit, Jahre lang, Jahrhunderte lang, mit sich allein und der Erinnerung an das, was einstmals gewesen.

Ich riß mich los und wandte mich hinaus. Seinen Namen hatte er den kommenden Menschen nicht genannt. Warum? Weil er gewollt hatte, daß nichts übrig bleiben sollte als nur der Schatten des Vergangenen? Sein körperloses Ich? Seine Seele? Oder vielleicht, weil, wenn man seinen Namen nannte, er sein Geschlecht zugleich an den Bußpfahl gekettet haben würde? Sein Geschlecht, seine Familie, die doch nicht schuldig war an seiner That, die es ja eben gewesen war, gegen die seine That sich gerichtet hatte. Denn ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß es eine Frevelthat gewesen sein mußte von Familienangehörigen gegen Familienangehörige, von Bruder gegen Bruder.