Und indem meine Vorstellung hieran arbeitete und knetete, nahmen meine Gedanken plötzlich ihren eigenen Gang, weit fort von der Stelle, wo ich mich befand, aus dem Westen Deutschlands in den fernen Osten, und mit einem Male wußte ich, warum es eine That von Bruder gegen Bruder gewesen sein mußte. Eine Geschichte fiel mir ein, die ich dort einmal gehört hatte, in der alten Stadt am breiten Strom, der schweigend durch den Osten Deutschlands geht, wie die schweigende Lahn durch den Westen.

In der alten Stadt, von der ich spreche, wohnte ein alter Mann, ein einsamer.

Einsam durchs Leben gegangen, ohne Frau und Kinder, war es jetzt doppelt still um ihn geworden, seitdem er sein Amt niedergelegt, den Abschied genommen, und seitdem hierdurch auch der Verkehr mit den Kollegen aufgehört hatte, mit denen er, dienstlich wenigstens, in Verbindung gehalten worden war.

Er war Regierungsrath gewesen, der alte Graumann; jetzt war er pensionirter Regierungsrath außer Diensten.

Gleich in den ersten Tagen, als ich die Stadt bezogen, hatte ich seinen Namen gehört. Er war ja gewissermaßen eine Sehenswürdigkeit des Ortes, und als solche war er mir genannt worden. Damit aber hatte es sein Bewenden gehabt; man wußte eigentlich nichts von ihm. Er selbst erzählte nichts, er verkehrte ja beinahe mit Niemandem; vielleicht gab es auch nicht viel zu erzählen. Er war eben Beamter gewesen wie hundert Andere auch und auf der actenstaubigen Straße des preußischen Beamtenthums zum Regierungsrath hinauf geklettert und dann, nach Jahren, an die Thür gelangt, aus der es wieder hinaus geht aus dem Beamtenthum, durch den Abschied in das Außer-Dienstthum.

»Jetzt fängt meine gute Zeit an,« so berichtete die Stadtchronik, hatte er zu einem Kollegen gesagt, als er zum letzten Male vom Amte kam, »jetzt falle ich dem Staate zur Last.«

Recht höhnisch, beinahe teuflisch sollte er gelacht haben, indem er das sagte, wie die Leute denn überhaupt geneigt waren, in dem alten Sonderling etwas Unheimliches zu sehen, Etwas, wovor man sich eigentlich in Acht nehmen mußte. Schrecklich heftig konnte er werden, so erzählte man sich, wenn irgend Etwas ihm in die Quere kam, und fürchterlich grob, wenn Menschen sich berufen fühlten, ihn seiner Einsamkeit zu entreißen, und die Menschen ihm nicht paßten. »Man brauchte ihn ja nur anzusehen – er sah ja so böse aus.«

Inwieweit dieses zutraf, hatte ich bald Gelegenheit festzustellen, denn ich begegnete ihm oftmals auf dem Spaziergange. In dem hohen Kiefernwald, der sich, stromaufwärts, auf sandigen Hügeln erhebt, sah ich ihn zum ersten Male, dann, mit Unterbrechungen, gingen wir öfter und öfter an einander vorüber.

Gingen an einander vorüber – denn indem ich ihn daher kommen sah, die Hände auf dem Rücken, den großen, schweren Kopf, den kurz geschorenes, graues Haar einfaßte, vornüber hängend, den abgebrauchten, schwarzen Cylinderhut in den Nacken gerückt, die Augen zur Erde gesenkt, nicht rechts noch links blickend, fühlte ich, daß da ein Mann an mir vorüber ging, der nicht angesprochen sein wollte, weil Ansprache Störung gewesen wäre, Störung in dem, was ihn beschäftigte.

Denn er war immer beschäftigt, das sah man dem verwitterten Gesicht an, in dessen derben, beinahe plumpen Zügen ein beständiges Regen und Bewegen war – beschäftigt mit seinen Gedanken, mit sich selbst. Manchmal auch gewann das stumme Mienenspiel Laute und Töne; seine Lippen zuckten, er sprach vor sich hin. Ich hörte es, indem mich mein Weg an ihm vorüber führte. Meistens nur ein Murmeln und Flüstern, dann und wann zusammenhängende laute Worte, die polternd und grollend heraus kamen, und manchmal auch ein Lachen, »ein recht höhnisches, beinahe teuflisches«, würden die Leute gesagt haben, das aus einem grimmig lächelnden Munde herausbrach.