Als wäre er immer von Menschen umgeben gewesen, mit denen er sich unterhielt, so sah es aus – Menschen, die vielleicht noch jetzt lebendig umher gingen wie er selbst, ohne daß er mit ihnen zusammen kam; Menschen auch vielleicht, die einstmals gewesen und jetzt nicht mehr da waren.
Jedenfalls ein Mann, der manches gesehen, erlebt und wohl auch gelitten hat, dieser alte Graumann, so sagte ich zu mir; einer jener Menschen, die man ja in Deutschland trifft, die unscheinbar, fast unsichtbar durch die Welt gehen und in ihrem Innern eine solche Fülle des Lebens, eine so reich bevölkerte Welt verschließen, daß sie davon zehren können, wenn es Abend im Leben wird, daß sie sich mit ihren Gestalten unterhalten können, ohne daß sie das Geplauder und Geschwätz der umgebenden Gesellschaft brauchen. Vorausgesetzt freilich, daß sie die Gabe besitzen, die das Entlegene nahe bringt, das Vergangene gegenwärtig, Todte wieder lebendig macht, Phantasie.
Ob ihm diese Gabe innewohnte? Seitdem ich ihm in die Augen gesehen hatte, glaubte ich es.
Einmal nämlich, nachdem wir schon manchmal an einander vorüber gegangen waren, und als wir uns wieder begegneten, bemerkte ich, daß er auf mich Acht gab. Der Unbekannte, der ebenso beharrlich und einsam wie er selbst die Gegend durchstreifte, mochte ihm aufgefallen sein. Er kam den Weg zurück, den ich hinaus ging: als wir nahe bei einander waren, wandte er das Haupt zur Seite und sah mich an. Er that nichts weiter, er grüßte nicht, sprach nicht, aber mir war, als hätte Jemand gesprochen. Solch' ein redender Blick war in den Augen gewesen, die mit dunkel glühendem Feuer unter buschigen Brauen hervor schauten. Wie das Nachglühen eines innerlich bewegten Lebens, das nicht zur Ruhe kommen, nicht im Vergessen einschlafen will, sondern im Erinnern weiter lebt und weiter. Ich konnte den Blick nicht vergessen, und ungefähr zu derselben Zeit, als unter Bekannten das Gespräch auf ihn kam, hörte ich etwas, das meine Vermuthung bestätigte, das ihn mir als einen Menschen erscheinen ließ, den mehr und Anderes bewegte als die wirkliche Alltagswelt, die ihn umgab. Wundervolle Bilder, so hieß es, hätte er an den Wänden seiner Wohnung hängen. Wer sie gesehen haben sollte, da eigentlich Niemand zu ihm kam, war schwer zu sagen; aber die Kunde war da und behauptete sich. In der Vorstadt, jenseits der Brücke, bewohnte er eine Wohnung von einigen Zimmern; eine alte Wirthschafterin, die des Morgens kam und des Abends ging, besorgte ihm die Wohnung. Wahrscheinlich war sie es, von der die Nachricht ausging. Wundervolle Bilder, und in seinem Schlafzimmer ein ganz besonderes, in Oel gemaltes, während in den Vorderzimmern Kupferstiche hingen; ein Bild, auf dem zwei Kinder dargestellt waren, zwei Knaben. Und der eine von den beiden Knaben, so hieß es flüsternd weiter, das wäre er selbst, wie er damals ausgesehen hätte, der jetzige Regierungsrath außer Diensten, der alte Graumann.
So wurde erzählt, theils laut, theils flüsternd; und dann ganz leise wurde noch etwas hinzugesetzt: in dem Schlafzimmer, wo das Bild mit den zwei Knaben hing, da wäre an einer Wand, so hieß es, ein Vorhang und unter dem Vorhang etwas, das Niemand kannte, Niemand gesehen hatte, weil keine Hand den Vorhang lüften durfte. Auch die der Wirthschafterin nicht.
»Bei Todesstrafe?« hatten einige Spötter gefragt. Nun – vielleicht nicht gerade bei Todesstrafe, aber beim Zorn des alten Graumann, und der konnte bös sein; man wußte davon in der Stadt zu erzählen.
Also forschte man nicht weiter und ließ dem Vorhang sein Geheimniß.
Aber das mit dem Kinderbild? Ja, das war vorhanden, und »solch ein schönes Bild« sollte es sein, hatte die Wirthschafterin erzählt. »Ein schönes Kind müßte er einmal gewesen sein, der Herr Regierungsrath! Ein paar Augen im Kopf! Eigentlich schon damals ganz die Augen, die er noch jetzt hätte, nur viel freundlicher, und nicht solche Zotten und Borsten von Augenbrauen darüber, wie er sie jetzt hätte.«
»Und der andere von den beiden Knaben?«
Ja – von dem wußte die Wirthschafterin nichts zu sagen, hatte ihn nie gesehen und gekannt. »Aber es sähe so aus, als müßte es wohl ein Bruder von dem Herrn Regierungsrath gewesen sein, ein jüngerer; denn so eine Art von Aehnlichkeit mit dem älteren, was der Herr Regierungsrath wäre, könnte man schon darin finden. Nur viel zarter und magerer und schwächlicher. Und so ein liebes Gesichtchen, aber so traurig; wie solche Kinder eben aussehen, die nicht lange leben sollen.« Denn daß er gestorben sein mußte, schon lange Zeit, das nahm die Wirthschafterin für bestimmt an. »Er würde doch sonst wohl einmal von dem Bruder gesprochen haben, der Herr Regierungsrath, und das that er nie.«