Das Alles kam mir so nach und nach und stückweise zu Ohren, und als von dem Kinderbilde gesprochen wurde, ging das Gespräch weiter, zu den Kindern überhaupt, und da erfuhr ich denn, daß er eigentlich ein Kinderfreund sei, der alte Graumann. »Aber freilich in seiner Art,« setzte der Erzähler lachend hinzu.

»Wieso, in seiner Art?«

»Je nun,« hieß es, »so, daß man ihn schließlich hat auffordern müssen, seine Freundschaft für die Kinder lieber für sich zu behalten.«

In der Stadt nämlich, so wurde erzählt, bestand eine Anstalt, von ein paar wohlthätigen alten Damen geleitet, in der alle Jahre zu Weihnachten armen Kindern aufgebaut und beschert wurde. Gaben und Geschenke wurden mit Dank entgegengenommen, und natürlich stand es den Gebern frei, der Bescherung beizuwohnen. Zu diesen gehörte auch der alte Graumann, der sich regelmäßig am heiligen Abend mit einem ganzen Haufen von Paketen und Päckchen einzustellen pflegte. Eigentlich hätten, der Hausordnung gemäß, die Geschenke schon vorher abgeliefert sein müssen, um von den Damen nach bestem Ermessen vertheilt zu werden. Aber der alte Graumann war nicht der Mann, sich irgend einer Hausordnung zu fügen. Seitdem er den Regierungsfrack ausgezogen hatte, wollte er die Ellenbogen frei haben nach allen Richtungen. Wollten die Damen seine Geschenke haben, so mußten sie ihn gewähren lassen. Also ließ man ihn gewähren.

Und nun eben kam das Verrückte:

Spät erst, wenn der Baum schon längst angezündet war, und die Kinder ihre Tische und Gaben in Empfang genommen hatten, erschien als letzter Geschenkgeber der alte Graumann. Wie der Knecht Ruprecht selber sah er aus mit seinem alten, verwitterten Gesicht, und die Schätze, die er sorgsam verhüllt unter den Armen trug, erweckten sogleich eine athemlose Spannung, eine Spannung, die in hellen Jubel ausgebrochen sein würde, wenn sich die Kinder nicht eigentlich ein wenig vor ihm gefürchtet hätten. Denn wenn er nun so dastand im erleuchteten Raume, zunächst die kleinen Köpfe stumm überzählend, ob er auch keinen übergangen hätte, und dann, wenn er sah, daß Alles stimmte, in sich hinein lächelnd, geheimnißvoll, beinahe listig, ohne ein Wort zu sprechen, dann überkam nicht nur die Kinder ein seltsam schauerndes Gefühl, sondern auch die Erwachsenen gestanden sich, daß er doch wirklich anders sei als alle anderen vernünftigen Menschen.

Einen Stuhl rückte er sich dann heran; mitten unter seinen Päckchen und Paketen, die er auf den Erdboden gelegt hatte, setzte er sich nieder, ganz ernsthaft jetzt, beinahe feierlich, und nun, langsam, langsam begann er eins der Pakete aufzuknüpfen und dann ein zweites. Lautlose Stille begleitete sein Thun, und all' die jungen Augen hingen an ihm, wie wenn sie auf einen alten Zauberer blickten. Noch einmal ein Blick über die lauschende Schar, dann mit erhobenem Zeigefinger winkte er zwei von den Kindern heran, zwei Knaben. Die letzte Hülle sank von dem Paket – und ein allgemeines »Ah!« des entzückten Erstaunens athmete aus jungen Kehlen auf – was war da für eine Herrlichkeit zu Tage gekommen! Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches. Und das glückselige Jauchzen dessen, der das schöne Geschenk in die Hände bekam! Daß sich der andere von den beiden Jungen vor Ungeduld kaum zu lassen wußte, begreift sich; das für ihn bestimmte zweite Paket war ja freilich viel kleiner als das erste, aber der Inhalt würde schon nicht schlechter sein, das verstand sich doch von selbst. Und langsam, langsam schälte sich auch die zweite Gabe aus ihrer Papierhülse heraus, und – ein allgemeines Verstummen sprachloser Verblüfftheit – ein ganz minderwerthiger Gegenstand, der sich mit dem ersten gar nicht vergleichen ließ, kam zum Vorschein. Die Augen dessen, der das zweite Geschenk erhielt, schielten unwillkürlich über die eigenen Hände hinweg, zu denen hinüber, in denen sich das Schaukelpferd befand, und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich mit Thränen gefüllt.

Und während sich dieses begab, saß der alte Graumann regungslos auf seinem Stuhl; seine großen, runden, glühenden Augen ruhten unverwandt auf dem enttäuschten Gesichte des Kindes, forschend, prüfend, mit einem ganz sonderbaren, tief bekümmerten Ausdruck, und wenn er sah, wie das kleine Gesicht unter verhaltenem Weinen zuckte, streckte er den Arm aus und zog den Knaben an sich, beugte sich zu ihm, und leise, so leise, daß Keiner von den Anwesenden es verstand, flüsterte er ihm ein Wort ins Ohr. Und dann kam ein anderes Paar von den Kindern an die Reihe.

Jetzt waren es zwei kleine Mädchen, die er heranwinkte. Wieder, wie vorhin, nestelten sich zwei Pakete auf; wieder erschien aus dem einen eine prächtige Gabe, eine schön gekleidete Puppe oder so etwas Aehnliches, und wieder aus dem anderen ein Gegenstand, der sich mit dem ersten kaum vergleichen ließ. Abermals dann der Vorgang wie zuvor, die kleine Enttäuschte wurde herangezogen, und so wie vorhin dem Knaben flüsterte er dem kleinen Mädchen, indem er ihm traurig und zärtlich das Köpfchen streichelte, ein Wort ins Ohr, das kein Anderer verstand.

Und so ging das weiter. Immerfort abwechselnd entzücktes Staunen und schweigende Verdutztheit; stammelnde, jauchzende Freude bei den Einen, betrübte Niedergeschlagenheit bei den Anderen. Und mitten in all' dem Wechsel von Gefühlen, von Freude und Leid der alte Graumann, wie das verkörperte Schicksal, seine Pakete auswickelnd, seine Gaben vertheilend, bis daß die letzte verschenkt war. Die letzte war immer die schönste, und merkwürdiger Weise, in jedem Jahre wiederkehrend, dieselbe: ein blitzblanker Kürassierhelm, ein Küraß und ein Säbel mit Säbelkoppel.