Die zappelnde Wonne, die ein solches Geschenk jedesmal hervorrief, läßt sich denken, aber nicht beschreiben, und kaum beschreiben auch läßt sich die Enttäuschung, die jedesmal die Gegengabe erweckte, eine magere, kleine Blechtrompete, die wirklich erbärmlich gegen die Kürassierausrüstung abstach. Das Merkwürdigste aber bei diesem Vorgange, der gewissermaßen den Gipfel aller vorherigen Absonderlichkeiten bildete, war immer der alte Graumann selbst, der jedesmal, wenn die letzte Gabe heran kam, wie in einen Zustand der Erstarrung, in einen Traum mit wachen Augen zu versinken schien. Seine großen, runden Augen weiteten sich über ihr gewöhnliches Maß und blickten starr vor sich hin, über die Köpfe der Kinder hinweg, in die leere Luft, und es sah aus, als müßte er zu sich selbst zurückkommen, bis er endlich den Kleinen heranzog und ihm, wie den Anderen vorher, sein leises Wort ins Ohr raunte.

War dieses dann erledigt, so erhob er sich, griff nach seinem alten, widerhaarigen Cylinderhut, verneigte sich schweigend vor den Anstaltsdamen, und ohne ein Wort zu sagen, ging er hinaus. Den Anstaltsdamen blieb es dann überlassen, die erregten Gemüther der Kinder wieder zur Ruhe zu bringen, und leichte Arbeit war das natürlich nicht.

»Was hat der Herr Regierungsrath Dir denn ins Ohr gesagt?« so wurde, vom Ersten anfangend, gefragt. – »Er hat mir gesagt,« hieß es: »›wer neidisch ist, kommt in die Hölle; sei nicht neidisch, Du lieber, kleiner Junge.‹« – »Und Dir? Was hat er Dir gesagt?« – »Er hat gesagt:›wer neidisch ist, kommt in die Hölle; sei nicht neidisch, Du liebes, kleines Mädchen.‹«

Beiden also wörtlich das Nämliche. Und als die übrigen Kinder, in gleicher Weise befragt, ihre Lippen aufthaten und feierlich, wie wenn sie als Zeugen vor Gericht ständen, aussagten, was ihnen der alte, unheimliche Mann anvertraut hatte, da stellte es sich heraus, daß es immer und jedesmal dasselbe geheimnißvolle Wort, dieselbe Mahnung gewesen war, die jedes von ihm empfangen hatte. Das wiederholte sich, wie gesagt, zwei oder drei Weihnachten, und dann hatten es die Anstaltsdamen satt. Solch ein böser, alter Mann! Er machte ihnen ja die Kinder geradezu aufsässig und zerstörte alle Weihnachtsfreude. Und das absichtlich; denn daß er mit wohlüberlegter Absicht verfuhr, das war ja klar; hätte er es sonst einmal wie das andere Mal gemacht?

Darum, als zum vierten Male Weihnachten heranrückte, erhielt der alte Graumann eines schönen Tages von den Anstaltsdamen einen Brief, worin ihm höflichst für die liebevolle Gesinnung gedankt wurde, die er ihren Schützlingen bisher erwiesen hatte, in dem ihm aber zugleich zu erwägen gegeben wurde, ob er in Zukunft seine Geschenke nicht lieber vor der Bescherung einsenden wollte, damit sie von den Damen vertheilt würden. Die ethisch-erzieherische Methode, nach der er seine Gaben vertheilte, wäre ja den Erwachsenen durchaus einleuchtend und auch dankenswerth, aber er würde sich ja wohl selbst sagen, daß Kinder noch nicht fähig wären, eine Methode, die solche Selbstüberwindung forderte und so harte Proben auferlegte, gebührend zu würdigen, und darum möchte es vielleicht besser sein – der alte Regierungsrath hatte verstanden; seit dem Tage hat man ihn in der Anstalt nie wieder gesehen.

»Die Damen hätten es anders einrichten sollen,« hörte man später den Weinhändler Kurzer sagen, »hätten den Herrn Regierungsrath nicht so zu ärgern brauchen; denn geärgert hat er sich schmählich.«

Der Weinhändler Kurzer war nämlich der Mann, der einen Weinkeller unweit des Marktes besaß, einen Keller mit schönen Spitzbogengewölben. Und in dem Keller erschien an jedem Nachmittag, pünktlich wie nach der Uhr, zu einer Zeit, wo sonst Niemand anwesend war, der alte Graumann, um einen kräftigen Schluck zu trinken.

Ob es die Gesellschaft des Herrn Kurzer war, die ihn lockte? Oder das Spitzbogengewölbe? Man erzählte sich, daß es noch etwas Anderes war, und das war wieder einmal solch' eine Schrulle des tollen alten Mannes. In dem Keller nämlich, in einer Ecke, von Staub bedeckt, stand eine aus Thon geformte Figur, ein Weib auf einem Löwen reitend. Halb und halb erinnerte das Ding an Dannecker's Ariadne; es war eine noch ganz unfertige Arbeit, offenbar von Händen angefertigt, die sich zum ersten Male an so etwas versucht hatten; noch unfrei in der Erfindung, noch ungeschickt in der Gestaltung. Trotzdem – wer es für der Mühe werth gehalten hätte, das sonderbare Gebilde näher anzusehen, würde vielleicht entdeckt haben, daß sich in all' dem Unfertigen etwas regte, das dermaleinst hätte fertig werden können. Aber es hielt es Niemand für der Mühe werth – ausgenommen Einen – den alten Graumann. Er, so hieß es, war geradezu verliebt in die Stümperei. Es knüpfte sich auch eine Legende an die Figur: in der alten Stadt war vor Jahren ein junger Bursche gewesen, der Sohn armer, achtbarer Eltern. Sein Vater war Actuar am Gericht gewesen, und durch Fleiß, der nicht einen Tag aussetzte, durch darbende Sparsamkeit, die sich nicht einen guten Tag gönnte, hatte er es durchgesetzt, daß sein Sohn so viel gelernt hatte, daß er auch Unterbeamter werden konnte, Unterbeamter an der Regierung. Und für das Alles hatte ihm der Schlingel übel gelohnt; er that als Beamter nicht gut. Nicht, daß er getrunken hätte oder eigentlich liederlich gewesen wäre, aber er hatte den Kopf voller Flausen. Zum Künstler, hatte er behauptet, wäre er geboren; ein Bildhauer steckte in ihm, das fühle er, und das sollte hervorkommen.

Natürlich war er fürchterlich ausgelacht worden, und der alte Vater empfand schier tödtlich den Schimpf, den ihm der Sohn bereitete. Denn boshaft, wie die Menschen nun einmal sind, versäumten sie nie, wenn sie des alten Actuars ansichtig wurden, ihn zu fragen, wie es seinem Sohne, »dem Bildhauer«, ginge, ob er Fortschritte machte, und was dergleichen Scherze mehr waren. Und während alle anderen vernünftigen Leute der Stadt es als ihre Pflicht erkannten, dem jungen Menschen zur Vernunft zu reden, war Einer, der das Gegentheil that, der ihn in seinen Abgeschmacktheiten durch Zureden bestärkte. Das war unrecht von dem Einen, und dieser Eine war Niemand anders als der Herr Regierungsrath Graumann. Man erzählte sich, daß er dem jungen Menschen die Erlaubniß gegeben habe, ihn zu besuchen; daß dieser oft Stunden lang bei ihm verweilte, daß der Regierungsrath ihm seine Bilder zeigte, sich mit ihm über seine Pläne unterhielt, ihn sogar mit Geld unterstützte. Lauter Dinge, die aller Vernunft und gesellschaftlichen Ordnung doch geradezu ins Gesicht schlugen. Und natürlich hatte es denn auch zu keinem guten Ende geführt. Eines schönen Tages war der »Bildhauer« verschwunden gewesen, fort von der Regierung, aus der Stadt, und fort von seinen Eltern. Einfach durchgebrannt; Niemand wußte, wohin. Niemand wußte es und hat es je erfahren. Denn seit dem Tage blieb er verschollen, und kein Mensch hatte je wieder von ihm gehört. Ob vielleicht der alte Graumann? Möglich – aber der sagte nichts.

Bei dem Weinhändler Kurzer nun hatte »der Michelangelo der Ukermark«, wie ihn einer von den Regierungsreferendaren, ein junger, besonders geistreicher Mann, betitelt hatte, eine Rechnung. Er hatte dort manchmal ein Glas Wein, und mehr als eins, getrunken, aber keins bezahlt. Wahrscheinlich war es auch wieder dieser alte Sünder, der alte Graumann, gewesen, der den Herrn Kurzer zu so sträflicher Nachsicht veranlaßt hatte. Wenige Tage dann, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwand, hatte er dem Weinhändler seine Löwenreiterin gebracht, gewissermaßen als Bezahlung. »Vielleicht würde er sie später einmal verwerthen können,« hatte er gemeint. Bis jetzt war es freilich nicht geschehen.