»Wird auch wohl so bald nicht kommen,« meinte mit resignirtem Schmunzeln der Herr Kurzer, wenn das Gespräch darauf kam.

Am Nachmittag des besagten Weihnachtsabends war also der alte Graumann im Weinkeller erschienen. Statt einer halben Flasche, die er für gewöhnlich trank, hatte er sich sogleich eine ganze bestellt, eine ganze Flasche schweren Burgunder. Ueberhaupt war er dem Herrn Kurzer ganz besonders aufgeregt erschienen.

»Gehen Sie denn heute Abend nicht zur Bescherung ins Stift?« hatte Herr Kurzer gefragt; darauf aber war der Herr Regierungsrath gleich sacksiedegrob geworden.

»Soll ich in ein Haus gehen, wo man mich 'rausschmeißt?« Und dann hatte er die Geschichte mit dem Briefe erzählt. Furchtbar schien ihn die Geschichte aufgeregt zu haben. So wie an dem Tage hatte Herr Kurzer ihn noch niemals gesehen. Eine ganze Weile hatte er sich schweigend mit seinem Burgunder unterhalten, dann war er mit einem Mal aufgestanden, hatte die Figur aus der Ecke geholt und sie, ohne ein Wort zu sagen, mitten auf den Tisch gestellt.

»Ganz staubig ist das Ding gewesen,« berichtete Herr Kurzer, »so daß ich es erst habe abklopfen müssen.«

Alsdann hatte der Alte davor gesessen und kein Wort gesprochen und immerfort das Ding angeschaut – immerfort, »eigentlich nicht anders als wie ein Verrückter,« hatte Herr Kurzer gemeint. Und dann hatte es angefangen, in seinem Gesicht zu arbeiten. »Sie wissen ja, wenn er so mit sich Unterhaltung macht;« diesmal aber hatte es ausgesehen, als ob er sich mit der Löwenreiterin unterhielte oder vielmehr mit dem, der die Löwenreiterin gemacht hatte. Immerfort in die Luft hätte er vor sich hin gesprochen; lauter sonderbares Zeug. Herr Kurzer, der mit ihm am Tische saß, hatte Einiges davon verstehen können.

»Dir haben sie es auch nicht gegönnt! Darum bist Du um die Ecke gegangen. Und nun bist Du zum Teufel. Daß so etwas hier hat geboren werden können, in dem Nest! Wie sie ihm das Herz abgefressen haben, immerfort, bis er nicht mehr gekonnt hat, nicht mehr ausgehalten hat! Nun ist er zum Teufel. Sie haben ihn auf dem Gewissen. Haben ihm das Herz abgefressen. Mit ihrem ewigen dummen Gelache und Gehöhn. Mit dem sie sich so klug vorgekommen sind, die Dummköpfe, die gottserbärmlichen, die Strohköpfe, die Banausen!«

Was er dann weiter sagte, hatte Herr Kurzer nicht verstehen können, weil es ein dumpfes Murren gewesen war. Dann aber hatte er wieder ein Glas hinunter getrunken, mit der flachen Hand, wie es seine Gewohnheit war, sich den Mund gewischt und dann plötzlich mit der Faust auf den Tisch geschlagen, daß Flasche und Gläser geklirrt hatten und die thönerne Figur, als sei die Seele ihres Verfertigers für einen Augenblick in sie zurückgekehrt, einen dumpfen Klang von sich gegeben hatte. Zu Herrn Kurzer hatte er sich herum gewandt »mit ein paar Augen, daß ich doch gleich denke, der Teufel selber guckt mich an.« – »Nicht gegönnt haben sie's ihm,« hatte er Herrn Kurzer angeschrieen, »das ist der Kern von dem ganzen Pudel! Neid ist die ganze Geschichte gewesen. Nicht vertragen haben sie's können, daß da mitten unter ihnen so Einer gekommen ist, der was Anderes gewesen ist als sie, mehr gekonnt hat als sie! Ist ein Liederjahn – hat's geheißen; ist nicht wahr, er war kein Liederjahn. Kartoffeln sind sie gewesen, Alle mit einander, und er war eine – eine – was soll ich sagen – mitten unter den Kartoffeln eine Ananas.«

»Das ist sehr gut,« hatte Herr Kurzer rasch eingeschoben, indem er einen verunglückten Versuch machte, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben. Einen sehr verunglückten, denn der Herr Regierungsrath hatte ihn angesehen – noch schrecklicher als vorhin.

»Gut nennen Sie das?«