Das Konsulat wird verständigt, die einheimische Polizei. Eine Durchsuchung des Zimmers gibt keinerlei Aufschluß. Die Pensionsinhaber, ein ältlicher Franzose mit seiner Frau, seit Jahren ansässig, können auf keine Weise verdächtigt werden. — Keine Liebesbriefe, keine irgendwie verdächtigen Schriftstücke. Ein Tagebuch verzeichnet ordentlich und ein wenig trocken die alltäglichen Vorkommnisse; an einem Mittwoch ist Eggert verschwunden; unter dem Dienstag steht noch da: „... In der Bank nichts Besonderes; sieben Uhr nach Hause. Nach dem Abendessen Café Khédivial, Zeitungen gelesen. Zehn Uhr zu Bett.“ So schreibt kein Mensch, der sich etwa mit Selbstmordgedanken trägt.
Tage vergehen, und Eggert bleibt verschwunden. Das Konsulat verständigt die Eltern; der Vater ist Handwerker, Tischler, in einer deutschen Kleinstadt. Die Antwort kommt, nach Wochen, verzweifelt, ratlos, bringt die gewünschte Photographie, verspricht eine Belohnung von zweihundert Mark für Aufklärung des Falles. Zweihundert Mark! Das sind hier zehn Pfund — soviel wirft ein reicher Syrianer in Weinlaune als Trinkgeld hin ... Und deswegen zwei Wochen kostbare Zeit verloren? Oh deutsche Gründlichkeit! Ein englischer oder französischer Konsul hätte doch wohl mehr Tatkraft entwickelt!
Immerhin: eines Abends leuchten von allen Straßenecken, allen Anschlagsäulen, an Zäunen und Haustüren grellrote Plakate; das Lichtbild des verschwundenen Hans Eggert in der Mitte, ringsum, in vier Sprachen, englisch, französisch, griechisch und arabisch, die Schilderung der Begleitumstände und das Versprechen einer Belohnung von zehn ägyptischen Pfund für nähere Angaben an Konsulat oder Polizei.
Am nächsten Morgen ist aus allen Plakaten das Lichtbild herausgerissen, oft das ganze Plakat zerfetzt.
Fritz geht zum Polizeikommandanten, einem Schweizer. Der sitzt, dicknackig, vollblütig, von Sonne und Whisky rot gebrannt, in seinem weiten Amtszimmer. Als er hört, um was es sich handelt, poltert er aufgeregt los: „Was wollen Sie — ich kann gar nichts tun! Gar nichts! Ohne zwingenden Verdachtsgrund kann ich in kein mohammedanisches Privathaus! Die Harîms sind unverletzlich, auch für die Polizei. — Und wären sie das auch nicht — soll ich vielleicht die ganze Stadt umkehren? Fast jedes Haus hat seine eigene Senkgrube, seinen Brunnen, Oublietten, Schlupflöcher — was weiß ich — wie sollte man da zurechtkommen? Hier sind schon mehr Leute abhanden gekommen, und gewichtigere als dieser Herr Eggert, glauben Sie mir! Beim Bau der neuen Brücke hat man gemauerte Kammern voll Gerippen aufgedeckt, jedes einzelne ein Mordfall, meinen Kopf darauf! Aber gehen Sie den Burschen was beweisen! — Ja, früher!“ und er läßt träumerisch die schwarze Nilpferdpeitsche mit Silberknauf durch die fleischigen Finger gleiten, „früher war es leichter. Da durften wir noch Prügelstrafen verhängen. Und wenn man da einen Verdächtigen fest hatte, da war er manchmal doch zum Sprechen zu bringen. Manchmal, nicht immer. Die Burschen haben ein hartes Fell! — Aber jetzt? Wo nur das Verhör nach europäischer Methode zulässig ist? Die verdammten Burschen werden nicht rot, nicht blaß, kennen keine Scham und lügen, lügen grenzenlos! Man könnte in die Luft gehen — aber man kann nichts machen.“
Fritz merkt erstaunt, daß dieses Eingeständnis völliger Ohnmacht unbestimmte Freude in ihm weckt. Er gönnt dem feisten Polizeimenschen den Abbruch an seinem hohlen Europäerdünkel, gönnt dem Sklavenvolk da draußen das schützende Geheimnis. Doch rasch hat wieder der Gedanke an den Kameraden die Oberhand: „Haben Sie keinerlei Vermutung, Herr Major, was überhaupt geschehen sein könnte, und wie?“ Das dicke Gesicht legt sich in kriminalistische Falten: „Vermutungen? Ha, — ich kann es Ihnen fast mit Bestimmtheit sagen, als hätte ich’s selbst mit angesehen! Der junge Mensch geht über den Platz. Er war blond, groß, hübscher Bursch, wie? Nun gut: neben ihm fährt sich im Gedränge plötzlich eine Haremskutsche fest, der Schlag geht wie zufällig auf, eine Dame winkt ihm, einzusteigen, ein Eunuch hilft von draußen nach — das geht eins, zwei und bevor er noch recht zur Besinnung gekommen ist, sitzt er neben einer begehrlichen Schönen im Wagen, der im Galopp davon fährt, freut sich vielleicht des Abenteuers, zu dem er so mühelos gekommen ist ... ja — und dann? Dann kriegt es entweder die Dame mit der Angst, und läßt ihn lautlos und gründlich beseitigen — denn er könnte ja plaudern, und sie selbst um den Kopf bringen —, oder er wird erwischt. Das ist dann weniger erfreulich. Die Ehemänner hierzulande rächen sich etwas umständlich. Mir sind da Fälle bekannt ... aber das führt zu weit! Ja, wie gesagt, so etwa denke ich mir den Vorgang. Aber in der Stadt und der nächsten Umgebung gibt es Tausende von Haremskutschen — nun sagen Sie selbst: was kann ich da tun? Gar nichts, gar nichts! — Tut mir ja leid um den armen jungen Menschen, tatsächlich leid ... aber, wie gesagt ...“ Ein bedauerndes Achselzucken, und die fleischige Hand schiebt sich lässig vor, zu gleichgültigem Abschied.
67
Nun sind die Schnepfen da, die Wildenten und Kiebitze. Nun gibt es reiche Jagd für jedermann. Mit einem Hochgefühl sondergleichen ersteht Fritz von den Resten des reichlichen Reisegelds ein Gewehr. In finsterer Mitternacht geht es mit ein, zwei Genossen aus der Pension zu Fuß hinaus zu den Pyramiden — die Wagen sind zu teuer, die erste Tram geht viel zu spät — und das erste Dämmern des Sonntagmorgens findet sie weit draußen im Röhricht, das die überschwemmten Felder umsäumt; im offenen Wasser, zehn, zwanzig Meter weit weg, schaukeln die Lockenten. Fremde Vogelstimmen füllen das dämmrige Himmelsgewölbe. Kraniche ziehen, Wildgänse, Störche. Der sausende Flügelschlag klingt gedämpft herab, weckt Sehnsucht nach Höhe. „Schieß, Herr, schieße!“ flüstert der hitzige Fellache. Er weiß natürlich, daß nicht einmal die Kugel die scheuen Flieger erreichen könnte. Aber er liebt wohl den Knall, die gefahrlose und doch mörderische Geste. —
Nun kommt Opalschimmer in die leichten Nebel, die ringsum lagern, zarte Farben fließen leise ineinander, vertiefen sich, geben den Dingen langsam feste Gestalt. Da — ein Quaken in der Luft, ein Flattern — die ersten Enten kreisen spähend über den lockend bemalten Puppen, fallen klatschend ein; die letzte stürzt getroffen, die ersten stieben plätschernd wieder hoch, da fällt eine zweite und dritte. Der Fellache heult Jubelrufe, wird mühsam zur Ruhe gezwungen. Andere Enten kommen, lassen sich täuschen, oder streichen ungerührt vorbei. Dann ist es heller Tag und weiteres Warten nutzlos. Die Kleider liegen klamm und dunstig vom Nachtnebel an, in den Schuhen, die zäher Schlamm einhüllt, steckt nasse Kälte. Von der Pyramidenstraße her kommt springend, watend, die blaue Galabieh bis zu den Achseln hochgeschlagen, der Sohn des Trägers, um dem Vater beim Einsammeln des Wildes und beim Rudern zu helfen.
Weit draußen im Überschwemmungsgebiet stehen reglos rosenrote Flamingos; Reiher, Pelikane, in Gruppen streng gesondert, treiben ihr Wesen. Sie scheinen sorglos und leicht zu überlisten, lassen den Schützen auch schleichend, kriechend, bäuchlings in wässerigem Schlamm, bis auf zweihundert Schritte heran; dann aber ein greller Schrei ihrer Wächter, die Schwärme donnern rauschend auf, wirbeln durcheinander, formen sich zu langgezogenen Figuren, Spitzkeilen, Halbkreisen; drei, vier wilde Schwenkungen noch — und die Weite schluckt ihren sausenden Flug.