Vorbei auch das! — Fritz steht wieder fest auf beiden Beinen und umfaßt mit einem langen Blick das tausendfarbige Sandmeer: Laß mich dich trinken, fremde Schönheit, erfülle mich mit deinem Licht, daß es mir graue Tage unter einem Himmel erhellen mag, der deine Farben nicht kennt. Von dorther kam ich, aus grauen Nebeln — dorthin muß ich zurück! Auch dort liegt ein Geheimnis auf dem Grund der Dinge, in Wald und Bächen, und in den flachen Feldern noch, die sich endlos dehnen. Doch ist es süß und tief, birgt fruchtbaren Frieden, nicht Tod und Qualen, wie dein glühender Schoß, du prunkende Fremde!
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Fritz steht im Zimmer des Direktors: schwere, englische Ledermöbel, reiche Teppiche, ein großer Marmorkamin. Starker Duft von Mokka und feinem Tabak. — In dem breitlehnigen Kippstuhl hinter dem Doppelschreibtisch ein Mann mit großen, festgeschnittenen Zügen, klaren Augen unter hoher Stirn ... Fritz steht wartend und grübelt: Wann hat er den Raum zum erstenmal betreten, war das gestern oder vor zehn Jahren? — Und er sieht sich im Geiste wieder als den Neuling, frisch aus Mailand, ehrfürchtig schaudernd noch von den Eindrücken der Seereise und der neuen Würde des „Europäers“ — und ungeliebt — o Gitta!
Da ist auch die klingende Stimme — der Direktor sieht von seinen Unterschriften auf: „Was haben Sie auf dem Herzen?“ — Fritz stottert sein Begehren hervor: kein Urlaub — Abschied, Entlassung ... Studien vollenden ... Und die Größe des Entschlusses läßt seine Stimme zittern. Auch merkt er plötzlich, daß er den gütigen, wortkargen Mann da auf eigene Art geliebt hat. — Der Direktor hat ihn zu Ende gehört und sagt nach kurzem Schweigen: „Ich hab’s mir wohl gedacht, daß Sie im Bankfach nicht glücklich werden — übelnehmen kann ich’s Ihnen nicht! Also — viel Glück zu Ihrem Entschluß — ich lege Ihnen gewiß nichts in den Weg!“
Fritz fühlt sich maßlos ergriffen von den paar einfachen Worten, meckert aus zugewürgter Kehle Dank und die Bitte, von der Kündigung nichts nach Europa zu berichten. „.. Mein Vater ist alt — ich kann mich brieflich schwer mit ihm verständigen ..“ — „Na, hoffentlich geht es mündlich um so leichter,“ kommt es gutmütig zurück. „Also nochmals — viel Glück — und machen Sie’s gut!“
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Die Eingeborenenviertel prangen im Schmuck von ungezählten bunten Wimpeln, edlen Teppichen und Stickereien, zu Ehren des Frühlingsfestes Cham-El-Nessîm. Fritz kehrt froh und farbensatt von einem weiten Gang durch die alte Stadt zurück und merkt mit leiser Überraschung, daß bei seinem Eintreten die laute Runde am Abendtisch in drückendes Schweigen verfällt. Vergebens sucht er ein Gespräch in Gang zu bringen; selbst die Stiftung einer Abschiedsbowle verfängt nicht. Nur stummes Kopfschütteln und seltsame Blicke sind die Antwort. Endlich erhebt sich Herr Lustig und fordert ihn mit einem Augenwink auf, ihm zu folgen. Fritz wittert einen der üblichen Scherze und wappnet sich zu schlauer Abwehr. Doch Herr Lustig schließt die Zimmertüre, beginnt stockend und verwirrt zu sprechen: „Es sind Nachrichten gekommen .. der Vater ...“ Dann starrt er Fritz ängstlich, fast flehend an, als sollte der ihm die Fortsetzung erlassen. Doch Fritz schweigt. Herr Lustig beginnt abermals, stößt nach kurzem Zögern hervor: „Der Vater ist tot!“ — „Wessen Vater?“ fragt Fritz, immer noch völlig verständnislos. „Ihr Vater!“ murmelt Herr Lustig. — „Mein Vater? Der war ja gar nicht krank .. das ist ja ...“ dumm gelogen, will er sagen. Doch er besinnt sich: den Scherz erlaubt sich keiner! Ein Mißverständnis also, das rasch aufgeklärt werden muß! — „Woher haben Sie die Nachricht?“ fragt er rauh. Und Herr Lustig beginnt sich erschreckt von dem Verdacht zu reinigen, er habe eine solche Mitteilung etwa leichtfertig gewagt. Mit der Abendpost ist ein Brief für Fritz gekommen und eine schwarzgeränderte Todesanzeige. Die wurde, da der Umschlag offen war, aus reiner Neugierde gelesen. Um nun die Wirkung des Versehens zu mildern — zweifellos ein Versehen —, habe er sich auf Wunsch der Tafelrunde entschlossen ... einige vorbereitende Worte ... in der besten Absicht ...
„Wo sind die Briefe?“ flüstert Fritz. Und Herr Lustig zieht sie aus der Rocktasche, bleibt einen Augenblick unschlüssig stehen, geht dann auf Zehenspitzen hinaus. Die Tür klappt zu.
Fritz entfaltet das schwarzgerahmte Blatt mit fliegenden Händen. Da steht es — Name — Titel — Orden — nach kurzem, schwerem Leiden ...
Vor sieben Tagen gestorben! Und er hat diese sieben Tage ahnungslos gelebt, hat sein bißchen Dienst gemacht, Spaziergänge, Ritte, hat gelesen, geplaudert, gegessen, geschlafen — gestern, heute, vor einer halben Stunde noch, als der Vater längst schon in der Erde lag?