Der Vater gestorben — und hat wohl noch in den Tod das alte Bild des Jüngsten mitgenommen — schlimmer noch: Die Kündigung, auf eigene Faust, doch in der festen Absicht unternommen, vor dem Vater dafür einzustehen — nun wird sie zur Heimlichkeit, zur nie wieder gutzumachenden! — Er hätte den Vater sehen, sprechen, ihm die Wandlung beweisen müssen ... zu spät!

Nach kurzem, schwerem Leiden ... Der Vater war krank, und man hat ihm, dem Sohn, nichts geschrieben; er ist gestorben, und man überläßt es dem Zufall, ob der Sohn nicht durch eine gedruckte Todesanzeige davon erfährt — wer durfte ihm das tun? Und erstickende Wut steigt in die Kehle. — Da fällt sein Blick auf den zweiten Brief, der die steile Mädchenschrift der Schwester zeigt. — Am Todestage aufgegeben — die Karte zwei Tage später ... Sie haben nicht daran gedacht, daß die Post in Genua gesammelt wird ... Ein Mißverständnis noch im Tode ...

Da kommen die Tränen.

Die Schwester schreibt kurz, sichtlich unter dem unmittelbaren Eindruck des Hingangs: Der Vater habe jede Nachricht von seiner Erkrankung ausdrücklich verboten ... keine unnütze Aufregung gewünscht ... dann das Ende so plötzlich ... Die arme Mama ... „In wenig Wochen bist Du ja hier — ich hatte so viel von dem Wiedersehen gehofft — nun findest Du ihn nicht mehr ...“

Wo ist nun die Herrengebärde, der Sieg des jungen Willens — wozu nun alle Einkehr, alle Selbstbesinnung, da er nicht mehr davon erfährt?

Und einen Augenblick scheint ihm der Abschied von der Bank, nun, da er sich widerstandslos und selbstverständlich vollziehen könnte, fast verleidet. Doch bei allem Schmerz merkt er den eitlen Trotz, der den verlorenen Widerpart vermißt, und zwingt ihn wütend nieder: Soll dies letzte Jahr umsonst gelebt sein, soll Gitta umsonst um mich geweint, gelitten haben? — Nicht dem Vater, ob lebend oder tot, zuliebe oder zuleide, auch Gitta nicht — mir selbst habe ich mich zu beweisen! — —

80

Ein weißes Schiff zieht durch die Hafeneinfahrt, läßt das lehmige Brackwasser hinter sich, gewinnt das blaue, sonnige Meer. Fritz steht im Heck, über den Schaumwirbeln der Schraube, sieht die hellen Strandhäuser mit den Palmen und Büschen ihrer Gärten langsam unter den Horizont versinken. Das Lotsenboot jagt unter kräftiger Brise zum Lande zurück. Endlich nur weit im Süden, Meer und Himmel trennend, ein dünner gelber Strich: Afrika! Ein letzter Blick noch — vorbei!

Des Schiffes Bug zeigt nach Norden.

Ernst W. Freißler