Diese Grundbedingung zugegeben, wird man doch als Vorstufe Übungen dekorativer Art anstellen können, die mit gewonnenen Formen und mit zu füllenden Flächen rechnen, ohne zunächst ein bestimmtes Objekt, das geschmückt werden soll, ins Auge zu fassen. Denn zeichnerischer Schmuck ist immer Flächenfüllung und trägt, da es sich um Flächen handelt, am besten flächenhaften Charakter. Wo das zeichnerische Ornament Tiefe vortäuscht, da gewinnt es Bildcharakter und zerreißt den Eindruck der Ebene, des Flächenhaften. Zum dekorativen Füllen einer Fläche eignen sich darum in erster Linie wieder Flächen. Um flächenfüllend zu wirken, müssen die Figuren, sofern sie der lebenden Natur entnommen sind, eine gewisse Stilisierung erfahren, da sonst das Ornament nicht den Eindruck der Geschlossenheit hervorruft. Diese Stilisierung, diese Anbequemung der Füllung an die Form der zu füllenden Fläche ist ein Problem, das ohne Zweifel starken Bildungswert besitzt, für Kinder jedoch in der Regel zu schwer ist.

Zur Füllung der Fläche können eigentlich alle bisher behandelten Formen Verwendung finden, von der geometrischen Elementarform bis herauf zur Tier- und Menschenfigur. Die einfachste Art der Dekoration wird durch Wiederholung, durch Neben- oder Übereinanderreihung ([Abb. 34]), durch symmetrische Ordnung von einem bestimmten Mittelpunkt aus erzielt werden. Erst auf höherer Stufe wird man eine freiere und mannigfaltigere Art des Schmuckes wählen.

Abb. 34

Bei jeder praktischen Verwendung der Schmuckform aber wird die Natur des Objekts, das geschmückt werden soll, Form und u. a. auch Inhalt des Ornaments bestimmen müssen. Es hat darum einen weitaus höheren Bildungswert, sich die Aufgabe zu stellen, ein bestimmtes Objekt – einen Abreißkalender, eine Einladungskarte, ein Türschild, einen Gratulationsbrief, irgendeinen Gebrauchsgegenstand – nach eigenen Ideen zu schmücken, als ein vom geschmückten Gegenstand gelöstes historisches Ornament zu kopieren, wie es die alte Schule tat.

Abb. 35

Wenn Walter Crane die Farbe als »das vollendetste und schönste Ausdrucksmittel in Kunst« erklärt, so gilt diese Anschauung ganz besonders auch vom dekorativen Zeichnen. Nichts wirkt dekorativer als die Farbe. Da der farbigen Darstellung jedoch ein eigener Abschnitt gewidmet werden soll, so möchte ich hier nicht näher auf die Probleme der farbigen Darstellung eingehen, sondern vorerst einige Vorfragen, nämlich die der Raumverteilung und der Raumfüllung kurz erörtern. Soll eine Fläche mit zeichnerischem Schmuck versehen werden, so wird man sich zunächst fragen müssen, was für ein Schmuck gerade auf diese Fläche paßt. Eine Zimmerwand wird man mit anderen Zeichnungen schmücken als ein Vorsatzpapier und dieses anders als eine Gratulationskarte. Doch abgesehen von derartigen Erwägungen, die wahrscheinlich den Inhalt des zeichnerischen Schmuckes bestimmen, wird die Fläche ihrer individuellen Form und Stellung wegen ganz bestimmte Forderungen an ihren Schmuck stellen. Es wird darauf ankommen, ob die Fläche eben oder gewölbt ist, ob sie senkrecht zu stehen oder wagrecht zu liegen kommt, ob sie quadratisch oder bandförmig, kreisrund oder oval ist. Denn der Schmuck wird sich der Bewegung, die der Mensch naturnotwendig in jede Fläche hineinsieht, anbequemen müssen. Eine rechteckige Fläche z. B., die höher ist als breit, ein sogenanntes »stehendes Rechteck«, macht auf den Beschauer den Eindruck des Aufwärtsstrebenden, des Emporwachsens; eine rechteckige Fläche hingegen, die breiter als hoch ist, ein sogenanntes »liegendes Rechteck«, erweckt das Gefühl des Ruhenden, des Behäbigen, und gewinnt erst wieder Bewegungscharakter, sobald sie sich zum Band, zur wagrecht »laufenden« Bordüre verlängert.