Abb. 39

Ist auf diese Weise durch das Netz der Hilfslinien eine Sicherheit gewonnen, die sich gern an schwierigeren Aufgaben versuchen möchte, dann kann man daran denken, die Fläche freier, d. h. ohne geometrische Zerteilung, zu füllen ([Abb. 39]).

Handelt es sich endlich um eine praktische Verwendung der skizzierten Ornamente, so wird es nötig werden, auch das Material zu erwägen, woraus der Schmuck hergestellt werden soll, desgleichen das Werkzeug in Betracht zu ziehen, das bei der Materialverarbeitung verwendet wird. Soll die Leistung material- und werkgerecht ausfallen, so kommt zu all den bereits genannten Überlegungen noch ein sogenanntes »Denken im Material«, eine geistige Tätigkeit, die sich erst nach vielfacher Übung mit dem betreffenden Werkzeug und an dem in Frage stehenden Material erwerben läßt. Hier wäre die Stelle, wo zeichnerisches Darstellen und plastisches Gestalten eine durch die Natur der Sache geforderte Verbindung gewinnen könnten.

Abb. 40

Zum schmückenden Zeichnen können auch jene Übungen gezählt werden, die ihre Aufgabe darin erblicken, die Schriftformen des großen und kleinen Alphabets in künstlerischer Art wiederzugeben. Die Schriftformen sind dem Erwachsenen in der Regel geläufig. Auch die schwierigeren Formen der geschriebenen Buchstaben und Ziffern. Darum kann die Fertigkeit im Schreiben die Erwerbung zeichnerischer Geschicklichkeit fördern helfen. [Abb. 12] z. B. zeigt einige Buchstaben und Ziffern, die bei Erlernung der Spiralen und Schneckenlinien mit Verwendung finden können. Noch geeigneter jedoch für dekorative Zwecke sind die Formen der Antiqua. Sie lassen sich ohne besonderen Zwang aus einer Reihe von geometrischen Elementarformen entwickeln ([Abb. 40]), und indem man sich an ihrer Konstruktion versucht, stellt man gleichzeitig Quadrate, Rechtecke, Dreiecke, Kreise, Ovale, Halbkreise, Spiralen usw. dar ([Abb. 40] oben). Eine Aneinanderreihung gewisser Buchstabenformen des großen lateinischen S z. B. ([Abb. 40] unten) ergibt bei geringförmiger Abänderung direkt ornamentale Formgebilde, ein Beweis für den dekorativen Charakter dieser Schriftform. Mit vollem Recht wenden darum die Methodiker der Gegenwart ihr Augenmerk einer Reorganisation der Beschriftung von künstlerischen Gesichtspunkten aus zu.

B. Körperhafte Darstellung.

1. Linienperspektive.

Wenn man bedenkt, wie wenig Grundgesetze bei Beherrschung einer elementaren perspektivischen Darstellung gekannt und angewendet werden müssen, und weiterhin, daß jeder Mensch mit gesunden Sinnen die perspektivischen Erscheinungen in jedem Augenblick seines wachen Daseins fortwährend zu sehen bekommt, so muß man sich eigentlich wundern, daß die Menschheit erst eine Entwicklung von Jahrtausenden brauchte, um diese Gesetze zu entdecken und sie bewußt zu verwenden, ja, daß die Naturvölker der Gegenwart und die meisten Erwachsenen bis zur Stunde nicht imstande sind, irgend etwas aus der Fülle ihre täglichen Erscheinungen perspektivisch richtig darzustellen.

Wer klar werden will über jene Grundgesetze, der tut am besten daran, gleich vor die Wirklichkeit zu treten. Doch kommt viel darauf an, die rechten Objekte zu wählen. An kleinen Gegenständen, an Zündholzschachteln, an Zigarrenkästen, an Bällen und Kugeln, wie sie gewöhnlich für den ersten Unterricht im perspektivischen Zeichnen benützt werden, sieht man die perspektivischen Eigenheiten erst dann, wenn das Auge bereits gelernt hat, bewußt perspektivisch aufzufassen. Erst müssen die perspektivischen Gesetze einmal an wirklichen Erscheinungen gesehen worden sein, ehe man sie darstellen läßt. Dazu aber eignen sich am besten Gegenstände größeren Formats: Bäume, Häuser, besonders aber Baumreihen, Häuserreihen – Alleen, Straßenzüge.