Abb. 41

Man gehe zunächst einmal hinaus vor die Stadt auf ein Stück Land, das einen weiten Ausblick gestattet. Am besten wird sich eine freie Ebene dazu eignen. In der Ferne scheinen sich Himmel und Erde zu berühren. Es ist der Horizont. Man halte den Arm in Augenhöhe wagrecht vor sich hin, und man wird finden, daß der Horizont eine wagrechte Linie in Augenhöhe bildet. Vergleicht man die auf der Ebene stehenden Bäume, Häuser und Menschen miteinander, so wird man ohne weiteres entdecken, daß der Gegenstand um so undeutlicher und umso kleiner erscheint, je weiter er sich von uns entfernt, umso deutlicher und größer aber, je näher er unserm Auge rückt.

Schreitet man einer fernen Baumreihe zu, die unsern Weg im rechten Winkel schneidet, so erscheinen die Bäume – falls sie es in Wirklichkeit sind – aus der Ferne alle gleich groß zu sein. Trifft unser Blick die Baumreihe jedoch im spitzen Winkel, so tritt das bereits gefundene Gesetz in Kraft: die entfernten Bäume erscheinen kleiner. Wollte man diese Erscheinung darstellen, so würde sich ergeben, daß alle wagrechten Linien über der Augenhöhe abwärts, alle wagrechten Linien unter der Augenhöhe aufwärts zu laufen und sich in einem Punkt zu vereinigen scheinen, der in Augenhöhe liegt. Dieser Punkt ist der Fluchtpunkt. Senkrechte Linien dagegen – die Stämme der Bäume z. B. – erscheinen wohl verkürzt, je weiter sich der Gegenstand entfernt, bleiben jedoch immer senkrecht ([Abb. 41] u. [42]).

Abb. 42

Mit diesen wenigen Gesetzen wäre eigentlich die elementare Perspektive, soweit sie für die freihändige Wiedergabe der Wirklichkeit in Frage käme, erschöpft. Schwierigkeiten ergeben sich für den Anfänger eigentlich nur noch dann, wenn ein Gegenstand »über Eck« steht, d. i. wenn er dem Anschauer eine Kante und infolgedessen zwei Seitenflächen zuwendet. Dann wird man finden, daß auch zwei Fluchtpunkte anzunehmen sind und daß der Fluchtpunkt jener Vorderkante um so näher liegt, je verkürzter, umso ferner aber, je breiter die Seitenfläche dem Blick erscheint ([Abb. 43]). Erst wenn es gelungen ist, diese Gesetzmäßigkeit der Wirklichkeitserscheinungen zu sehen und zu verstehen, wird man daran gehen, sie zeichnerisch darzustellen.

Als 1. Stufe wird die perspektivische Darstellung flächenhafter Dinge zu nennen sein: Geöffnete Fensterflügel, Türen, Briefumschläge, Hefte, Schachbrett, Bilderrahmen, Reißschiene, Winkel, Münzen, Schützenscheiben ([Abb. 44]). Gute Dienste vermögen bei derartigen Anfangsübungen das genaue Visieren und Messen zu leisten. Das natürlichste Hilfsmittel hierzu ist der gewöhnliche Bleistift. Manche Methodiker befürworten eigene Visierrähmchen und Maßstäbchen. Andere verwerfen jedes Hilfsmittel. Ich bin der Anschauung, daß man im Anfang sich recht wohl solcher Stützen bedienen kann, daß man jedoch darnach streben soll, sich möglichst bald von ihnen frei zu machen. Besondere Schwierigkeiten bereitet dem Anfänger das richtige Halten des Stiftes oder des Stäbchens. Es soll immer so gehalten werden, daß es – von oben gesehen – parallel zu der Linie steht, die man sich durch beide Augen gezogen denkt ([Abb. 45]).