Nur auf ein Gebiet möchte ich an dieser Stelle noch verweisen, da es zu einem unerschöpflichen Born künstlerischen Genusses werden kann und dem künstlerischen, besonders dem zeichnerischen Verständnis in der eben angedeuteten Art immer neue Aufschlüsse zu geben vermag. Ich meine das Studium der Baustile. Es ist keineswegs nötig, dickleibige, wissenschaftlich gehaltene Bände durchzustudieren. Wir besitzen heutzutage eine Anzahl kurzgefaßter handlicher Ausgaben über das Wesentliche vergangener und gegenwärtiger Richtungen. Was Ägypter, Griechen und Römer, was die altchristliche, romanische und gotische Kunst, was Renaissance, Barock und Rokoko, was der Neuklassizismus und die Moderne an eigenartigen Schöpfungen hervorbrachten, das findet hier an der Hand zahlreicher Illustrationen eine Erläuterung, die auch dem Laien verständlich ist. Und was ich für besonders wertvoll erachte: fast jede deutsche Stadt bietet eine Fülle von architektonisch Wertvollem. Man sollte kaum glauben, wieviele Menschen – auch unter den sogenannten Gebildeten – heute noch blind und verständnislos an den köstlichsten Schätzen ihrer täglichen Umgebung vorübergehen. Hätten sie eine Ahnung davon, wieviel an Glück sie deshalb entbehren müssen, sie würden nicht eher ruhen und rasten, bis ihnen die Sinne für diese eigenartige Welt steinerner Schönheit erschlossen wären.

2. Licht und Schatten.

Die zeichnerische Darstellungsmöglichkeit des Körperhaften ist mit der genauen Wiedergabe der Umgrenzungs- und Überschneidungslinien nicht erschöpft. Der Wirklichkeitscharakter der Zeichnung wird gewaltig gesteigert, sobald Licht und Schatten mit zur Darstellung gelangen. Selbst da, wo die Linienperspektive noch gar nicht in Frage kommt – bei der flächenhaften Darstellung körperhafter Gegenstände – kann durch Unterscheidung von hellen und dunklen Stellen der Eindruck des Körperhaften hervorgerufen werden.

Abb. 55

Darum dürfte es sich vielleicht empfehlen mit dieser elementaren Art von Lichtstudien die Beleuchtungsdarstellungen zu beginnen ([Abb. 55]). Für die ersten Schattenstudien eignen sich am besten helle eckige Körper, deren Kanten eine scharfe Grenze zwischen Licht und Schatten bilden ([Abb. 56]).

Abb. 56

Schwieriger gestaltet sich die Schattengebung bei runden Körpern, da hier ein allmählicher Übergang zwischen den lichten und dunklen Stellen zu finden ist. Für den Anfänger empfiehlt es sich, diese feinen Unterschiede zunächst unberücksichtigt zu lassen und Licht und Schatten vorerst als geschlossene Flächen wiederzugeben. Dabei fällt allerdings den meisten schwer, die Grenze zwischen Licht und Schatten zu finden. Ein gutes Hilfsmittel ist, die Augenlider so weit zu schließen, bis Licht und Schatten an dem betrachteten Objekt wirklich als stark beleuchtete und stark verdunkelte Massen auseinanderfallen ([Abb. 57] a u. b).