Vors.: Sie waren die Kontoristin, die Angeklagte aber war die zweite Chefin und hat auch mitgeholfen. (Die Aussage ist deshalb wichtig, weil offenbar die Reste der vergifteten Lebensmittel aus dem Büro von der Angeklagten trotz ihres leidenden Zustandes fortgebracht wurden.)

Angekl.: Herr Präsident, Arbeit schändet nicht.

Vors.: Warum haben Sie nicht dem Diener befohlen, er hat ja gesagt, er wolle den Raum aufräumen und Sie haben es trotzdem selbst besorgt. Wäre es nicht möglich, daß Sie es aus dem Grunde getan haben, damit das Bleiweiß, das, wie Sie zugeben, damals schon im Büro war, nicht gesehen werde?

Angekl.: Erstens waren die Reinigungsarbeiten notwendig und zweitens wollte ich Herrn Stülpnagel eine Freude damit machen. Er hat sich immer kindisch gefreut, wenn er ins Büro kam, und alles rein war.

Der Kunstkritiker und Schriftsteller Artur Rößler, der mit der Angeklagten gesellschaftlichen Verkehr gepflogen hatte, wurde nun vernommen. Der Verkehr sei sehr anregend und gemütlich gewesen. Er schätze die V. als ungewöhnlich intelligente, sehr liebenswürdige Dame und nur eines habe ihn und seine Frau befremdet, nämlich ihr Verhalten zu ihrer Mutter. Sie benutzte nämlich ein Zimmer allein für sich als Schlafraum, während die Mutter draußen auf einer Bank schlafen mußte. Wir haben das als ungehörig empfunden, sagt der Zeuge.

Vert.: Was hat denn Milica dazu gesagt?

Zeuge: Sie erklärte uns, daß ihre Mutter nicht im Zimmer schlafen wolle, da es sonst zu unordentlich aussehen würde und die Mutter hat uns gegenüber dasselbe gesagt.

Vert.: Ihre Mutter hat sie eben sehr verhätschelt.

Nach Erörterung von Zusammenkünften und Ausflügen richtet der Staatsanwalt an den Zeugen einige Fragen. Besonderes Gewicht legt er darauf, zu erfahren, ob dem Zeugen Anfang Juli nicht eine Wesensveränderung aufgefallen sei. Sie selbst behaupte, daß sie sich damals in einer Art Ausnahmezustand befunden habe. (Offenbar die „Parzellierung“ des Bewußtseins. Aber es lag nur eine Einengung vor; Gegenkräfte, Gegenleidenschaften, Gewissenskonflikte waren nie vorhanden, und dieses Fehlen macht sie zur echten Verbrecherin, obwohl sie doch zaghaft an ihre Taten heranging.)

Zeuge: Mir ist damals allerdings ihr verändertes Wesen aufgefallen. Denn sie war wortkarg und bekundete wenig Interesse an einem Weihnachtsspiel, das ich ihr damals vorlas.