Der Vorsitzende stellt aber doch fest, daß der Zeuge einen ähnlichen Rat gegeben hat; das Rad war eben nicht von der Angeklagten aufgehalten worden.
Vors.: Es ist ja keine Schande, wenn Sie selbst die Bleiweißvergiftung nicht erkannt haben. Sagen Sie uns ungeniert, ob Sie selbst darauf gekommen sind oder ob Sie jemand darauf aufmerksam gemacht hat.
Arzt: Ich habe es selbst gefunden.
Daraus geht hervor, daß der Arzt, offenbar der Bezauberung der Angeklagten erliegend, eine unrichtige Aussage gemacht hat. Am nächsten Tage macht ihm der Vorsitzende den Vorwurf falscher Zeugenaussage, wird aber, prozeßtechnisch sicher kein alltäglicher Fall, vom Verteidiger zurückgewiesen und muß, obgleich im Recht, schweigen.
Am dritten Verhandlungstage entrollte der Berichterstatter einer großen Zeitung folgendes Stimmungsbild; es ist deshalb schon sehr interessant, weil aus ihm die eigenartige Atmosphäre hervorgeht, welche die V. um sich zu verbreiten gewußt hat.
„Es ist der Tag der kleinen Episoden. Flatternde und leicht zerflatternde Geschichten werden von einer langen Reihe Zeugen vorgetragen. Sie gehören nicht unmittelbar zum Gegenstand, sind nicht anklägerisch, auch nicht recht entlastend. Ein paar neue Striche werden dem Bilde der V. hinzugefügt, einige Flecken Schatten, dann wieder Licht: Sie war sympathisch, verläßlich, tüchtig, fleißig. Mit einem Wort: bestens zu empfehlen. Wenn einer vielleicht einen Vertrauensposten offen hat ... Es wird überhaupt furchtbar viel Porträt gepinselt.
Dazwischen fällt das Wort Bleiweiß, stört freundliche Harmonien. Es wird auch von den vergifteten Lebensmitteln gesprochen. Der Untersuchungsrichter soll ergänzende Angaben machen. Aber er kommt schlecht an. (Wiewohl er in nicht nur rein amtlicher Eigenschaft, sondern vielleicht als einfacher Zeuge über Wahrnehmungen berichten könnte, die nicht unbedingt in den Akten stehen müssen, die Umfangsgrenzen haben.) Der Verteidiger Dr. Kraszna widerspricht temperamentvoll, nicht formell, aber faktisch mit Erfolg. Der Kampf vollzieht sich nicht in heftigem Streit, mehr in gereizten Reibungen, wobei der Staatsanwalt hauptsächlich die Rolle des stillen Beobachters beibehält. Wenn Milica etwas gegen den Gang des Beweisverfahrens einzuwenden hat, dann erhebt sie sich einfach mit der ihr eigenen Geschmeidigkeit, rassig anmutig und löscht mit dem satten Wohlklang der Stimme für eine Weile alles andere aus. Das sind die wenigen starken Momente inmitten der unruhig flackernden, zumeist langsam hingeschleppten Erörterungen im Gerichtsschauspiel. Dann bewundert man ihre Bühnenwirksamkeit. Sie spricht Bonmots, übernimmt irgend einen ihr gemachten Vorwurf, wendet ihn mit geistreicher Dialektik blitzschnell, und pointiert damit gegen einen belastenden Umstand. Ihre Hände vollführen dabei eine winzige Geste, eine anmutig weiblich modulierte Bewegung von eigentümlichem Reiz; dann setzt sie sich gelassen, ohne daß sich nur ein Zug in ihrem Gesicht ändert, das ganz patiniert ist mit feingeistiger Distinktion. Aber es sind nur Momente.
In der Mehrheit sind Miszellenberichte über die V., über Stülpnagel, über beide. Buchhalter kommen, Angestellte, Freunde, der Arzt. Es ist viel unsicheres Licht über den Erinnerungen. Mein Gott, es sind anderthalb Jahre her seit den kritischen Ereignissen, oft noch längere Zeit. Manchmal hängen an den Erzählungen spinnwebdünne Tatsachen, ein Eindruck, der eine bestimmte Farbe trägt, eine imponderabile Beobachtung, die vielleicht im Zusammenhang mit konsistenterem Material Bedeutung erlangt. Auch der erste Prozeß spukt in den zweiten hinein. Schließlich gibt es Episoden, die sich vor der Zuhörerschaft nicht mit der Wirkung behaupten, die sie verdienen würden. Wahre Menschlichkeiten. So das Erscheinen der Mutter der Milica. Man sieht die dunkelgekleidete Dame vor der Barre stehen, ebenso schlank, von der gleichen Rasse wie die Tochter. Sie scheint vollendete Ruhe. Bloß die weiß behandschuhten Hände, mit denen sie sich auf das Holzgestell stützt, zittern. Sie spricht von dem Unglück, das sie erduldet hat, vom Gatten und den anderen Familienmitgliedern, die dem Wahnsinn verfallen sind, still, gelassen. Sie muß das alles im öffentlichen Verhandlungssaal sagen, vor vielen hundert fremden Menschen, und tut es anscheinend mit vornehmer Fassung. Doch ihre Hände, in den offiziellen, weißen Handschuhen vibrieren unablässig, geben ihre Erschütterung preis. Sie hat keine Macht über die Hände. Es packt tragisch, wie an der schwarzen, feinen Frauengestalt die weißen Hände beben. Ob sie es wohl gefühlt hat: die Menschenmauer hinter sich, den Moloch der Neugierde usw. usw. ...“
An den Zeugenaussagen interessiert folgendes:
Die Angeklagte hat sich viel mit Büchern beschäftigt, wie aus dem ersten Prozeß hervorging.