Wer diese Frau während der Verhandlung vor sich gesehen hat, dieses Aufzucken und Aufbegehren, diese herrische Sicherheit des Wortes, muß den Eindruck empfangen, daß im Kern ihrer Seele ein Komplex von unzerstörbarer Anmaßung und Menschenverachtung schlummert. Ein lauerndes, losbrechendes Temperament, das jeder Schranke spottet. Glaubt man ernstlich, daß dieses Jahr Kerker ein so tief verwurzeltes Übel heilen werde, glaubt man mit diesem Jahr Kerker einem Giftherd beizukommen, der nicht einmal berührt war durch zweijährige strenge Haft, der nicht gereinigt war durch bitterste Erfahrung? (Auch die Begnadigung, die durch objektive Gründe seitens der Behörden im Verlaufe der Vollstreckung des ersten Urteiles nicht begründet war, ist ganz ohne Eindruck geblieben auf die Angeklagte. Eine Äußerung, die sich darauf bezieht, zitiere ich nachher aus den Aufzeichnungen der M. V.)
Hier enthüllen sich, fährt der Referent fort, die ungeheuren Schwächen unseres Strafsystems. Das Oberflächliche und Nichtige des Symptomekurierens. In Amerika würde sicher die Form gefunden werden zur bleibenden Überwachung und zur bleibenden Verbürgung schuldlosen Lebens. (Man hat dies im Falle Henry Thaw versucht. Ob mit Erfolg, ist sehr zu bezweifeln.) Es handelt sich um Pläne, derartige Verbrecher ohne zeitliche Einschränkung aber in mildester Form in Gewahrsam zu halten, so daß die Strafe nicht etwas mechanisches ist, eine kurze Cäsur im Laufe der Verbrechen. Es müssen Mittel gefunden werden, um Grenzfälle zu behandeln. Der Fall M. V. soll Anlaß bieten zu ernsten Gedanken über die Mängel, die Lücken und Schwächen unseres Strafsystems. Dann wird die rauschende Sensation ihren bleibenden Vorteil haben. Sonst war es eben ein Film, der ein Menschenleben gekostet hat.
Das Buch der Milica Vukobrankovics.
Daß M. V. sich des öfteren schriftstellerisch betätigte, geht aus den beiden Prozessen hervor. Es muß ihr das schriftliche Mitteilen eine innere Notwendigkeit gewesen sein. In diesem Sinne ist auch ihr im Jahre 1924 erschienenes Buch „Weiberzelle 321“ interessant, das der Verlag R. Löwit in Wien herausgegeben hat. Es ist ein Buch von 241 Seiten, bringt eine Photographie der M. V. und ihren Namenszug. Das Inhaltsverzeichnis enthält folgende Überschriften:
| 1. | Kapitel. | Den Menschen, die guten Willens sind. |
| 2. | „ | Im Namen des Gesetzes. |
| 3. | „ | Im Polizeigefangenenhause. |
| 4. | „ | Die Überstellung. |
| 5. | „ | In der Gemeinschaftszelle des Landesgerichtes. |
| 6. | „ | Die Einzelzelle. |
Weder das Bild der V. noch der Text ihres Buches erklären auch nur im mindesten den ungewöhnlichen Zauber, den die Persönlichkeit im unmittelbaren Verkehr ausströmen mag. Wenn man die oft schwülstigen, unecht philantropischen Schilderungen liest, findet man viel banales, selten ein eigenes Wort, ein mehr oder weniger verschleiertes Bekenntnis. Diese Stellen will ich auch zitieren. Der Stil ist journalistisch lebendig, bisweilen lehrerhaft gespreizt, damenhaft süßlich, aber alles in allem doch interessant. An ein Werk wie die Memoiren aus einem Totenhause von Dostojewski darf man dabei auch im entferntesten nicht denken. Von Dämonie ist bei der V. nirgends auch nur eine Spur. Geschrieben ist das Buch, das wohl vom Verteidiger durchgesehen und zum Druck gebracht worden ist, in der langen Untersuchungshaft vor dem zweiten Prozeß. Es beginnt folgendermaßen: „Nicht für jene schreibe ich, die auf Sensationen ausgehen, die fremde Skandalaffären brauchen, um das eigene Leben interessanter zu finden, – wer Nervenkitzel braucht, der lege dieses Buch aus der Hand[2]. Wer aber auch im verirrten, kranken, unglücklichen Mitmenschen den Menschen, den Bruder sieht, wer die trübe Brille engherziger Moral abgelegt hat, wer helfen, wer verstehen lernen will, für den sind diese Aufzeichnungen geschrieben. Ich will versuchen, das äußere und innere Leben der Gefangenen zu schildern.
[2] Sensationsgier und Sucht nach Nervenkitzel werden als Motive des Giftmordes bei der Gesche Gottfried angeführt. Ob die V. hier im Unterbewußtsein aufrichtiger ist, als sie es weiß?
Ist schon eine Psychologie der Gefangenen geschrieben worden? Meines Wissens noch nicht. Ist es aber – allem Ignorantentum und Pharisäerstolz zum Trotze – nicht wichtig, zu wissen, wie Menschen, die über von Menschengehirnen erdachten und von Menschenherzen bestätigten Gesetzen gestrauchelt, in von Menschen bewachten Kerker geworfen werden, wie diese „Parias der Moral“ denken, fühlen, und leiden?“ Auffällig ist die von vornherein aggressive Stimmung, die automatisch aus jeder Situation sich ergebende „moralische“ Überhebung.
Über ihren eigenen Prozeß: „Ich war zweimal in Untersuchungshaft. Das erste Mal in den Jahren 1918 und 19. Damals wurde ich von den Geschworenen in der Hauptsache freigesprochen, jedoch wegen Verleumdung verurteilt, nahm das Urteil nicht an, und wurde schließlich von der Untersuchungszelle weg begnadigt und in Freiheit gesetzt.