Es gibt sowohl unter den kleinen Gelegenheitsdiebinnen als auch unter den ganz großen Berufsverbrecherinnen wahrhaft gütige Menschen, Leute, auf deren Wort man bauen kann, die Treue und Freundschaft vielleicht besser halten als mancher Spießbürger. (Spitze gegen Stülpnagel?) ... So fand ich in den Weiberzellen des Landesgerichtes gerade unter den ‚schwersten Nummern‘ Frauen von genialen Fähigkeiten (!), von sittlichem Werte, Frauen, um die ich hätte weinen mögen (offenbar sie selbst), daß ihnen kein besseres Los beschieden war, als der Kerker, Frauen, die von einem vernünftigen Psychiater – der anscheinend noch nicht geboren wurde – sicherlich gerettet worden wären.“
Die Gesche Gottfried schreibt: „O wie leicht irrt man in der Beurteilung des menschlichen Herzens! Wie empfindlich der Schmerz ist, von anderen verkannt zu sein und sich bei bestem Willen hämisch beurteilt zu sehen, davon hat wohl keiner mehr Ursache als ich ... So unedel, wie sie mich schildern, bin ich nicht, bloß unglücklich. Wer hat mehr Tränen der Verzweiflung geweint als ich – und lebe dennoch ... Können Sie mir eine unedle Handlung beweisen? Eine unglückliche Ehe war mein Los, aber Vertrauen zum lieben Gott ließ mich alles ertragen.“ Es handelt sich bei diesen Briefstellen der dreißigfachen Giftmörderin um Briefe an einen Mann, dem die Gottfried stets „als Frau von hohem Ehrgefühl und edelm Stolz“ erschienen war, und der, als die Giftmorde ans Tageslicht gekommen waren, mit der Veröffentlichung ihres Verhaltens in der Schuldsache gedroht hatte. Der Größenwahn der Giftmörderin geht aus den Briefen deutlich hervor.
Und doch, V. hat nicht nur ein sehr feines Gefühl für die Unhumanität anderer, sie hat auch selbst Regungen von Menschlichkeit. Sie erzählt von einer tschechischen Gefangenen, (auch hier mögen homosexuelle Motive mitspielen aber das ändert nichts an dem ethischen Wert der Handlungen), die wegen politischer Gründe gefangen war. „Bozena war damals am Verhungern. Die ärarische Kost war unzureichend. Zu kaufen bekam man im Gefängnis nur Wein und schwarzen Kaffee. (Es war gegen Ende des Krieges und in Österreich herrschte Hungersnot.) Manchmal erhielt B. Pakete von ihren Angehörigen aus Böhmen. Diese ließ man eine Zeitlang liegen, bis sie in der Kanzlei verdarben. So hatte B. nie satt zu essen und meine erste Sorge war, sie ‚aufzufüttern‘. Freilich ging dies nur ein ganz klein wenig, denn ich mußte von meinen Paketen auch an Sascha etwas abgeben, die ebenfalls wenig von daheim erhielt. Und ich bekam von meiner guten Mutter nur Pakete für mich, also nur für eine Person. Die Zeiten ließen sich schlecht an, man bekam selbst für Geld nichts zu kaufen und ich hatte nicht das Herz, meine Mutter um größere Sendungen zu bitten. Was für eine Person bestimmt war, mußte für zwei reichen. B. sah zwar nach einiger Zeit ein ganz klein wenig besser aus, aber ich fürchtete doch, sie würde die Haft nicht mehr lange ertragen. Da schwor ich ihr zu helfen. B. war älter als ich, aber ich war energischer“ (eben der Mann in der homosexuellen Bindung). „Verhandlung um jeden Preis: war die Parole ... Ich ließ kleinliche Erwägungen beiseite, schüttelte die Angst ab und handelte. Der Streich gelang. Bozenas Freund intervenierte bei einem Abgeordneten. Ich triumphierte, B. bekam durch mich ihre Verhandlung.“
„Im übrigen betone ich nochmals,“ sagt sie aber am Ende eines Kapitels, „daß weder Sensationslust, noch Rachegier, noch sonst ein unlauteres Motiv mich bestimmt, diese Dinge aufzuzeigen, sondern einzig und allein der aufrichtige Wunsch, den Ärmsten der Armen zu helfen.“
Zusammenfassung.
Es gelingt zwar durch die genaueste Berücksichtigung aller Dokumente sich annähernd ein Bild von der Seele der V. zu machen; allerdings nur bis zu dem Grade, daß man auch dann nicht positiv ihre Zukunft vor sich hat, was immer noch der einzig sichere Beweis dafür bleibt, daß man einen Menschen durchschaut und innerlich erkannt hat, aber man kann so viel zusammenfassend über die V. sagen. Ob Giftmischerei ein Verbrechen ist oder ein Trieb, das bleibt vorläufig offen, sicher ist nur, daß die V. eine Giftmischerin war und daß sie alle typischen Züge der großen Giftmörderinnen trägt. Sie hat wohl kein einziges Todesopfer. Aber das beweist für die teuflische Absicht kaum etwas. Sie verwahrt sich oft genug dagegen, sie wiederholt immer, sie hätte nur eine leichte körperliche Beschädigung, nie aber einen Mord gewollt. Aber was sonst soll der große Phosphorgiftklumpen in der Pillenschachtel der Frau Piffl bedeuten? Sie verwahrt sich auch sehr bezeichnenderweise nicht in der Form, daß sie sagt, ich bin unschuldig, man kann mir eine solche Tat vernünftigerweise nicht zutrauen. Sondern sie geht von der Überzeugung aus: Alles ist möglich, warum nicht auch Gift von meiner Hand. Alles ist denkbar, auch daß ich gewollt habe, was geschah, nur will ich wissen, welches Motiv mich dabei hätte leiten sollen. Welchen „vernünftigen Grund“ sie gehabt habe, wird sie nicht müde, den Richtern und Geschworenen als Problem vorzuwerfen, welche Logik hätte sie denn dazu veranlassen sollen, sich einer großen Gefahr auszusetzen, ohne auch eine große Kompensation erwarten zu können. Fürstin wäre ich doch nicht geworden, sagt sie und gibt mit diesen schaurig kalten Worten einen Teil ihrer innersten Geheimnisse preis, nämlich ihr Grundprinzip, so in Gift zu denken, so im Giftkomplex befangen zu sein, wie ein Spieler in seinen Schachkombinationen, ein Kaufmann in seinen Bilanzen und Abschlüssen, ein Feldherr in seinen Plänen und strategischen Entwürfen. Das „Menschenmaterial“ sagt ja an sich dem Feldherrn auch nichts besonderes, er benützt es, um sich selbst und sein Genie zu Ende zu leben, persönlich tritt er nun weder in Güte noch in Haß entgegen, deshalb nennt er es ja Material und hütet sich, ihm nahe zu kommen, denn er könnte es, da er nur in dem Komplex denkt, der für den Einzelnen keinen Platz hat, nie gerecht behandeln, nie würdigen. Daher ihre Fühllosigkeit und Kälte, die an sich nicht Ausdruck der Bosheit sein müßte. Für die Würde, ja auch nur für die Existenzberechtigung des anderen hat dieser Mensch so wenig ein Gefühl wie die V. Wohl aber behält sie ihr Gefühl für die eigene Würde und das um so mehr, als sie sich und ihre Giftmanie in gewissem Sinne heroisch durchführt. Man kann das bei ihr sehr genau verfolgen. Man hört es nie von ihr und sieht es nie in den Akten, daß sie schwankt, daß sie in ihrer Tat, in ihrer paradoxen Zielstrebigkeit unsicher würde. Alles schwankt, alles bleibt unklar und verworren, nur nicht das Gift und dessen Wirkung. Und daß sie der Giftkomplex schändet, wird dieser Mensch nie verstehen. Denn wie wäre sonst ihre Rückfälligkeit zu deuten? Semper in idem, ist ihr heroischer Spruch. Sie kommt völlig ausgestoßen aus der Gesellschaft, verelendet und abgehärmt aus dem ersten Gefängnis. Aber kaum hat sie Brot, Beruf, Gesellschaft und Wirkungskreis, da vergiftet sie wieder von neuem.
Sie trägt einen weißen Anstandsunterrock und empfindet es als besonders qualvoll, daß sie sich unter den Augen des schnüffelnden Sicherheitswachmannes im Gefängnis auskleiden soll. Das mag ein Zeichen ihrer „Menschenwürde“ sein, und doch fehlt ihr völlig jedes echte Schamgefühl und bewiese sie dieses Fehlen nicht durch den Gebrauch der scheußlichsten, unqualifizierbarsten Schimpfworte, so dann doch dadurch, daß sie stets von ihrer Ehre und von ihrem Schamgefühl spricht und es eben dadurch prostituiert. „Es geht doch nicht um Ihre Schamhaftigkeit,“ herrscht sie den Vorsitzenden des zweiten Prozesses an und erzielt dann, was sie will.
Ihre Tücke, ihre Teufelei zeigen sich am deutlichsten im Verkehr mit Halbfremden. Sie scheint da einem Ressentiment nachzugeben, dessen innerste Wurzel so leicht nicht zu finden ist. Die Verleumdung des Stiefsohnes der Eheleute Piffl, von dem sie wußte, daß er die furchtbarste Kindheit hinter sich hatte und ganz auf die Ungnade oder Gnade der Stiefeltern angewiesen war, ist da das sicherste Zeugnis. Das kann man nicht durch „Triebe“ entschuldigen, es ist böser Wille und böses Herz. Eine Notwendigkeit zu dieser Verleumdung lag durchaus nicht vor, sie mußte ihr zum Verhängnis werden. Man hatte wegen der unaufgeklärten Giftfunde auch die Köchin beschuldigt. Man hatte bei dieser nichts gefunden. Die Sache war im Abklingen, man hätte sich, besonders in den furchtbaren Zeiten zu Ende des Weltkrieges, dabei beruhigt, hätte die V. nicht von selbst darauf hingewiesen, um die Sache ja nicht in Vergessenheit kommen zu lassen. Wir finden bei einer ungleich größeren Giftmörderin, der Gesche Gottfried, von der hier schon öfter die Rede war, unter den vielen Taten, eine, die ihr selbst am nächsten ging, nämlich die Vergiftung ihrer treuen Freundin und Dienerin Beta. Und nicht der Tod der armen Frau liegt ihr besonders am Herzen und macht ihr Gewissensbisse, sondern der Umstand, sie habe zwei Menschen getrennt, die einander sehr nahe standen und die für sie, die Giftmörderin, alles hergegeben haben würden. Ich lasse den kurzen Bericht darüber folgen.
„Ihre treue (Dienerin) Beta Cornelius hatte während der Abwesenheit ihres Mannes 50 Taler von diesem erhalten, die für die Kosten ihrer bevorstehenden Entbindung bestimmt waren. Die Gottfried brauchte das Geld. Die Wöchnerin mußte die letzte Mäusebutter (Arsenikbutter), welche die G. noch vorrätig hatte, verzehren, aber Betas gesunde Natur widerstand lange. Nun gebar sie einen Knaben. Nun mußte die Todkranke ihre dreijährige Tochter vor sich sterben sehen, da das Kind von einer vergifteten Kirschensuppe zu essen bekommen hatte. Neue Mäusebutter, welche die G. sich schnell zu verschaffen gewußt, vollendete schließlich die Zerstörung des kräftigen Körpers ihrer Beta. Kein Todesfall schien sie später in gleicher Weise zu bedrücken als dieser und der ihres Sohnes Heinrich. „Ach, ich bekenne,“ schrieb sie, „zwei Menschen getrennt zu haben, die sehr glücklich waren und die beide ihr Leben für mich würden hergegeben haben.“ Man braucht diese Handlungen nur neben die versuchte Trennung des Stiefsohnes Piffl von seinen Zieheltern, ferner die versuchte Aufhetzung des Kardinals Piffls gegen seine Schwägerin und gegen seinen Bruder zu setzen. Und später ganz ähnlich: der Versuch, die Ehefrau Stülpnagel und besonders die zwei Söhne von dem Vater zu trennen, der an ihnen so sehr hing, daß die Giftmischerin sich doch hätte sagen müssen, wenn sie stürben, würde das nur ein Hindernis mehr sein für die Verehelichung mit dem Vater. Aber so sinnlos ist alles aufgebaut, daß sich die V. einfach mit den Worten hilft: die Knaben sind jung und stark, sie werden es leichter überstehen. So groß ist der Zynismus, daß sie über den Zucker den Witz macht: Würfelzucker fräßen die Buben, allerdings ersparte sie ihnen auch nicht, den Staubzucker zu schlucken, dem das Bleiweiß beigemischt war.
Über die Wahl des Giftes war die V. offenbar durch die Lektüre verschiedener Schriften informiert. Es scheint auch, daß ihr das träge, lymphatisch wirkende Gift Bleiweiß sympathisch war, daß es ihrer eigenen, nur scheinbar lebensvollen Natur angemessen schien. Hierzu kommt noch eins: Gerade träge, innerlich sumpfartige verrottete Naturen sehnen sich oft nach starken Impressionen, nach Nervenkitzel und Abenteuer. Daß dies bei der V. mitgewirkt hat, ist möglich. Entscheidend aber nicht.