Verfolgt man die Prozeßakten der Gesche Gottfried, so findet man mehr als einen Punkt, der, allen Abstand zwischen diesen beiden Frauen vorausgesetzt, wie er durch das Milieu, die Abstammung und das Alter bedingt war, diesen Frauen gemeinsam ist, es bildet sich sogar ein typischer Komplex heraus und die Analogie verschiedener Äußerungen geht fast bis zur wörtlichen Wiederholung. Bevor wir darauf näher eingehen, sei zuerst der sogenannten Hysterie gedacht, die man mit der V. in Zusammenhang gebracht hat. Wirkliche Symptome der großen Hysterie fehlen freilich bei ihr und Zeichen der kleinen Hysterie wird man bei keiner Frau ihrer Kreise ganz vermissen. Die Theorien Freuds, die vor allem auf die Hysterie sich beziehen, versagen also, von einer „Verdrängung“ kann keine Rede sein, und daß die Wiener Schule, die im ganzen doch als Nachfolge Freuds anzusehen ist, diesen Fall nicht psychoanalytisch aufzulösen vermocht hat, beweist wohl, daß er einer solchen Beurteilung die größten Schwierigkeiten entgegensetzt. Charakteristisch für die Hysteriedeutung Freuds bleibt immer das System, das sich der Kranke oder das sich im Kranken aufbaut, die strenge, fast ästhetisch schöne Methode, mit der dieser stille Wahnsinn sich die Welt umgestaltet. Von solch einer durchgeführten Methode findet man bei der V. so wenig sicheres wie bei der Gottfried.

Ganz ergebnislos ist die Untersuchung allerdings auch nach dieser Richtung nicht. Ich erinnere vor allem an die zynische Äußerung der V., daß das Bleiweiß die sexuelle Erregung, wenn auch nur auf kurze Zeit, steigere, es wäre also denkbar, daß die V. im Unterbewußtsein mit dem Gift als Aphrodysiakum operiert hat. Aber zwingend ist dies durchaus nicht. Es scheint überhaupt keine übermäßig starke erotische Triebsphäre bei ihr vorhanden gewesen sein und sie bedurfte daher nicht des Giftes als Kompensation für entgangene Liebesfreuden. Es macht eher den Eindruck, daß die V. lesbisch veranlagt war, eine Erscheinung, die bei Lehrerinnen nicht ganz selten ist. Aber hier trennen sich die beiden Sphären oder Lebensbezirke: Gift und bürgerliches Leben vollständig, und kein erotisches Erlebnis oder Sehnsuchtsgefühl vermag eine Brücke zwischen beiden herzustellen. Anders bei der Gottfried, die wohl auch einen starken bürgerlichen Komplex hatte, dabei auch einen starken Hunger nach Männerfleisch und eine Geldgier, die sich paradox mit verschwenderischer Wohltätigkeit paarte. Hier ist etwas, das an die Doppelseele der V. oder an ihr parzelliertes Bewußtsein erinnert. Die verschiedenen Interessen sind so von einander getrennt, widersprechen sich derart, daß manchmal ein geradezu erschütternd gespenstisches Lachen Zeichen dieser gräßlichen Entzweiung in einem gibt. Die Gottfried unternahm als ersten Giftmord die Tötung ihrer Mutter, obwohl diese mit abgöttischer Liebe, nicht anders als die Mutter der V., an der Tochter hing. Sie rührte der Alten Arsenik in ein Glas Limonade, das Lieblingsgetränk der Alten. Die Verbrecherin bekannte später: „Denken Sie, während ich das Gift hereinmachte, gibt mir der liebe Gott ein herzliches, lautes Lachen, daß ich erst selbst erschrak. Aber gleich besann ich mich: dies hätte der liebe Gott gefügt, zum Beweise, daß Mutter nun bald so im Himmel lachen werde.“

Die Veranlagung der Gottfried scheint aber im Grunde ähnlich wie die der V., eine lymphatische, temperamentlose gewesen zu sein. Man gab an, von früh auf hätte etwas ätherisches über ihrem Wesen gelegen. Von der V. sagt ihr Verteidiger, wie man annehmen muß, guten Glaubens, sie sei eine feingestimmte Seele. Gemeinsam ist beiden eine gewisse abergläubische Neigung, die sich daraus erklärt, wie schon ein zeitgenössischer Beurteiler feststellt, daß sie, die Gottfried, in selbsttrügerischer Weise vom Schicksal einen Wink erhalten wollte, um durch irgend etwas von außenher zum Werk veranlaßt zu werden. Sie wendete sich ebenso wie die V. an Kartenlegerinnen, oft an vier nacheinander und erhielt Auskünfte wie: die ganze Familie würde aussterben, sie allein würde übrig bleiben und dann ein sehr gutes Leben führen.

Ganz ähnlich wie bei der V. die große Rolle die Wahrsagerinnen bei ihren Taten spielten. Gemeinsam ist beiden Frauen auch der Hang zu ernster Lektüre: bei der Gottfried sind es religiöse Erbauungsbücher, Dräsekes Predigten und das Liederbuch, die ihr nicht bloß zum oberflächlichen Durchblättern dienen, sondern in Fleisch und Blut übergegangen sind, wie ihr Briefstil beweist, bei der V. sind es Schopenhauer, Goethes Faust, Nietzsche und Lieglers Buch über Karl Kraus.

Sind in einer Seele so divergente Triebe und Wesenheiten aneinander gekettet, so läßt es sich verstehen, daß solch eine Frau seelisch sich nicht leicht ergibt, daß sie nur zu gern einen Teil ihres Wesens gegen den anderen ausspielen möchte, und daß sie das Gute oder wertvoll scheinende, das humane und Menschenfreundliche unter allen Umständen gegen das teuflische in Erscheinung zu bringen trachtet. Sie sucht sich ihre Güte, ihre Nichtteufelei selbst zu beweisen, spielt mit allem, weil sie die Konsequenz ihrer innersten Natur zu ertragen nicht stark genug ist. Wer wäre so stark? Mutter-, Vatermord, Bruder-, Kindermord – Diebstahl, Unterschlagung, Abtreibung, wer sieht sich selbst ohne Schaudern? Das geht bei der Gottfried so weit, daß sie Menschen unter den fürchterlichsten Martern den Tod schickt, um wohltätige Werke verrichten zu können. Offen bekennen kann solch ein Mensch nicht und es ist vielleicht ungerecht, ihm das allzu lange Zögern bei der Beichte als erschwerend auszulegen, wie es das Gericht beim zweiten Prozeß V. getan hat. Auch die G. hat nur langsam bekannt, sie gestand nicht mit einem Male, es war ein fortgesetztes, zweijähriges Bekennen und auch durch dieses Bekennen zog sich fortgesetztes, neues Ableugnen, „sie machte immer wieder Versuche, mit sich schön zu tun und das Mitleid und Interesse zu erwecken.“ In keinem der Fälle dieser Art, wie denn auch in dem Fall Brinvilliers hat man die Motive ganz aufklären können. Bei der V. ist als erschwerender Umstand für eine reine Deutung eine maskenhafte, äußerlich ästhetisch orientierte[3] Banalität und ein starres fast stupides Verharren auf dem dürftigsten Geständnis, das sie wie ein Almosen dem Richter zubilligt. Auch die Brinvilliers hat alles geleugnet, überhaupt nur stereotyp erstarrte Antworten gegeben. Wichtig ist aber sicher zweierlei: der Mangel am Gedächtnis als positives Kennzeichen des Giftkomplexes und das Fehlen wahrer starker Affekte als negatives Kennzeichen; vor und nach der Tat können starke Affekte einsetzen, aber die Tat muß kalten Herzens angefaßt worden sein, daran ändern die wiederholten Motivierungen der V. von ihrer grenzenlosen Verzweiflung nichts.


[3] Als sie zum zweiten Male vor dem Untersuchungsrichter steht, bewundert sie dessen schöne Hände, möchte sie modellieren, nur ein verkrümmtes Fingerglied an seiner Hand stört sie bei ihrem Anschmachten.

Über den Mangel an Gedächtnis hat die Mutter der V. gelegentlich der italienischen Reise sehr bezeichnende Angaben gemacht. Handelt es sich hier um epileptoide Erscheinungen, um Absenzen oder um ein Phänomen, das Proust „Intermittences du cœur“ nennt?

Von der Gottfried hören wir, daß die Napoleonische Zeit, das größte weltgeschichtliche Ereignis Europas, spurlos an ihr vorüberging, denn als man sie im Gefängnis darnach fragte, was das einzige, dessen sie sich erinnerte, ihre Freude, als ihr die Einquartierungskommission ein paar Taler zurückerstattet hat. Ihre Verbrechen haben auch nicht in ihr selbst stark nachgewirkt. Wohl lebte sie sie sehr intensiv mit, während sie sie beging, nachher ließ sie sie fallen, tat, als ob nichts gewesen wäre, ganz wie die V. Ihre Seelenruhe war erstaunlich. Wenigstens bei Tage. Nachts scheinen doch Träume und Gesichte über sie gekommen zu sein. Aber ihre Seele war nie so aufgerührt, daß sie gebetet, daß sie innerlich zusammengebrochen wäre. Und dieselbe Seelenruhe gibt der V. die Kraft, selbstbewußt und frech aufzutreten und Richter, Publikum und die Geschworenen zu bluffen. „Mir war gar nicht schlimm bei dem Vergiften zumute,“ schreibt die G. „Ich konnte das Gift ohne die mindesten Gewissensbisse und mit völliger Seelenruhe geben. Es war mir, als wenn eine Stimme zu mir sagte, ich müsse es tun. Ich hatte gewissermaßen Wohlgefallen daran. Man schaudert doch sonst vor dem Bösen, allein das war bei mir nicht der Fall. Ich konnte mit Lust böses tun.“ Eine ganz gleichlautende Äußerung habe ich anfangs von dem Giftmörder Georg C. zitiert. Diese hemmungslose Freude am Gift, an der Wirksamkeit der weißen Körner und Pulver ging so weit, daß die G., um einen zeitgenössischen Ausdruck zu gebrauchen, „ihr Gift verspritzte wie eine Rasende, die mit ihrem Vorrat an Kraft zu Ende kommen will.“ Es handelt sich also zweifelsohne um einen Trieb, das glaubte auch die Mutter der V., die doch über die möglichen Beweggründe der V. sehr nachgedacht haben muß. Die G. sagte von sich: „Zuweilen war ich monatelang vom Trieb frei, dann aber kam wieder eine Periode, wo ich mit dem Gedanken aufwachte, wenn der oder die kommen sollte, so solltest du ihm etwas geben.“ Über die verschiedene Behandlung der aus Trieb gemordeten im Gegensatz zu den aus Zweck gemordeten habe ich schon berichtet.

Und doch keine Dämonie, weder hier noch dort. Ich habe das bei der V. schon ausgeführt, über die G. gab ein Berichterstatter folgende Analyse: „Es war nicht so, daß ein Unentrinnbares, daß dunkle, dämonische Mächte ihre Lebensbahn bestimmten. Und was diese Frau so grauenhaft macht, das ist gerade dieser Mangel an allem Dämonischen, ist das Fehlen jener großen, das ganze Sein vergewaltigenden Leidenschaft, die über Leichen zum Ziele treibt. Denn auch an den ersten Mordtaten ist kaum etwas von Leidenschaft zu spüren.“ Hier ist auch der große Kontrast zur Lady Macbeth: Hier ist alles Blut, alles Zweck, alles Geist und daher alles Dämonie bis zum Wahnsinn.