Auch hier ein Vergleich mit einem französischen Werk, das kaum älter: mit Carpeaux' echt französischer Gruppe »Der Tanz«, an der Schauseite der Großen Oper zu Paris.
Nicht der Taumel bacchischer Lust macht Lambeaux Gruppe zum belgisch bedeutenden Werke. Auch Carpeaux Gestalten tanzen in solchem Rausch. Diese Gestalten, dieser Tanz sind echt französisch.
Aber wie diese nur echt französisch, geschmeidig und elegant wie die Figuren schon des Primaticcio oder Goujon – so sind Lambeaux Götter und Menschen gestaltet wie die Bauernweiber Breughels, wie die Götter des Rubens, die Gattinen des Jordaens.
Sie sind so echt flämisch – wie echt deutsch sind die Engel und Bengel des Altdorfer und Richter, wie die derben Frauen des Baldung, wie Schongauers eckige, geistdurchwühlte Jünger, wie Schwindsche Märchen, wie alle Menschen des Mathias Grünewald auf dem Isenheimer Altar, wie so viele markige, ganz vom Gedanken beherrschte, unscheinbare Gestalten Rembrandts, wie Dürers monumentale Apostel, seine ewig-deutsche Melancholie.
»Wie die Alten – so die Jungen« (Abb. 47). Das war das Leitmotiv belgischer Kunst. Das war ihr Segen.
Das sang man in Flandern.
Weshalb nur blieb deutsche Kunst nicht immer deutsche Kunst?
Werde sie endlich frei vom Wahne des alleinselig-, alleinschönmachenden antikisch-italischen Formalismus.
Der bleibt unserer Rasse fremd. Dieses Fremde werde uns unerträglich, wie die Lobpreisung französischer Maltradition!