Es müssen also auf Grund dieser theoretischen Vorstellungen hier beiderlei Männchen und beiderlei Weibchen zu gleichen Teilen gebildet werden, ganz so, wie es im Versuch auch gefunden wird. Diese Koppelung einzelner Erbfaktoren mit dem Geschlechtsfaktor zeigt nun noch eine Besonderheit. Während sonst zwischen zwei homologen Chromosomen ein Chromomerenaustausch stattfindet, unterbleibt er stets zwischen zwei homologen Chromosomen, die im Geschlechtsfaktor verschieden sind. Das ist am einfachsten wohl wieder an einem Drosophila-Beispiel zu zeigen. Wir kreuzen zwei Drosophila-Rassen, die sich außer in einem Faktor der Augenfarbe auch noch in einem Faktor der Körperfarbe unterscheiden: nämlich eine graue rotäugige Rasse YY WW mit einer gelben weißäugigen yy ww. Auch der Faktor Y, der die graue Körperfarbe bedingt, liegt bei Drosophila im gleichen Chromosom, wie der Geschlechtsfaktor X und der Augenfaktor W. Die Kreuzung eines grauen rotäugigen Weibchens mit einem gelben weißäugigen Männchen geht nach folgendem Schema vor sich:

P
1
.
graues rotäugiges Weibchen
XX YY WW
×
gelbes weißäugiges Männchen
Xx yy ww

Geschlechts-
zellen
alle
XYW
je 50%
Xyw
,
xyw

F
1
.
50%
XX Yy Ww
d. h. graue rotäugige Weibchen
und
50%
Xx Yy Ww
d. h. graue rotäugige Männchen

Bei der Geschlechtszellenbildung dieser F 1 -Tiere kommt nun die vorhin genannte Besonderheit zum Ausdruck. In den Weibchen sind die beiden homologen Chromosomen im Geschlechtsfaktor nicht verschieden. Infolgedessen findet hier ein Chromomeren-Austausch statt, die Weibchen bilden daher die vier möglichen Kategorien von Geschlechtszellen, d. h. hier die Eizellen XYW, XYw, XyW, Xyw alle aus, aber, wie zu erwarten, nicht in gleicher Zahl, sondern in der Häufigkeit 84 : 1 : 1 : 84, d. h. die beiden Arten von Zellen ( XYw und XyW ), die nur durch Chromomerenaustausch zustande kommen können, finden sich in geringerer Zahl als die übrigen. Ganz anders verläuft die Bildung der Geschlechtszellen in den Männchen. Hier findet nach dem vorhin Gesagten überhaupt kein Chromomerenaustausch statt, weil hier die homologen Chromosomen, in denen die Faktoren X, Y und W liegen, auch noch im Geschlechtsfaktor verschieden sind, das eine Chromosom ist XYW, das andere xyw. Diese Xx Yy Ww- Männchen bilden infolgedessen nur zweierlei Spermatozoiden aus, XYW und xyw. Bei der Befruchtung der F 1 -Tiere untereinander sind zwischen den viererlei verschiedenen Eizellen und den zweierlei verschiedenen Spermatozoiden die folgenden Verbindungen möglich:

XYW
×
XYW
=
XX
YY
WW
=
graue
rotäugige
Weibchen

XYW
×
xyw
=
Xx
Yy
Ww
=


Männchen

XYw
×
XYW
=
XX
YY
Ww
=


Weibchen

XYw
×
xyw
=
Xx
Yy
ww
=

weißäug.
Männchen

XyW
×
XYW
=
XX
Yy
WW
=

rotäugige
Weibchen