In meinem Leben vergess' ich Lucky Water nicht!
Von den Rändern seines grünen Gartenflecks dehnte sich weit und breit trostloser Sand, und gegen Norden schimmerten stahlblaue Felsenmassen. Glühend brannte tagaus, tagein die Sonne nieder aus tiefblauem Himmel, an dem nie ein Wölkchen zu sehen war. Die trocken heiße Luft war von unbeschreiblicher Klarheit und Durchsichtigkeit. Weit entfernte Gegenstände schienen zum Greifen nahe. Und Sand, überall Sand; bald glänzend weiß, bald tiefbraun. In einzelnen Fleckchen wuchs zähes rostbraunes Gras, und überall wucherten, kaum aus dem Sand hervorlugend, winzigkleine Kakteen mit eisenharten Dornen. Das war unser Spielplatz. Wie Kinder gebärdeten wir drei Männer uns. Viele Stunden lang lagen wir oft im heißen Sand und rauchten und schwatzten. Der sonst so schweigsame Billy konnte ganze Nachmittage hindurch mit wahrer Wollust die absurdesten Pläne ersinnen und sie uns begeistert auseinandersetzen:
Hetzfahrt nach San Franzisko! Dann sollten wir drei ein billiges Zimmerchen mieten und arbeiten wie besessen. Irgend etwas – Und sparen wie Russel Sage! (Das war ein berüchtigt geiziger New Yorker Milliardär, der einmal erklärte, es sei eine Sünde, mehr als einen Dollar bares Geld bei sich zu tragen. In der Bank verdiene das Geld doch Zinsen!) Jeder Narr könne Geld sparen, wenn er das Sparenwollen zur fixen Idee mache, behauptete Billy. Und wenn wir Geld hätten, würden wir uns als Kohlenzieher nach Honolulu verdingen, dort arbeiten und die Sprache der Südsee lernen. Dann kaufen und verkaufen und im Kleinen importieren und reich werden … Oder: Über Galveston nach New Orleans, nach Mobile und so weiter nach Florida. Von dort aus sich den kubanischen Insurgenten angeschlossen. Denn ein amerikanischer Revolver mit einem Amerikaner dahinter sei überall sein Gewicht in Diamanten wert – –
»Aber das ist ja blinkeblanker Unsinn!!« so schlossen immer Billys lange Reden. »Augenblicklich ist die Welt wunderschön und das genügt. Wenn wir einmal übrige Zeit haben, können wir ja gelegentlich auch reich werden –!«
Wettrennen liefen wir über den heißen Sand hin. Kein Tag verging ohne Boxen, in dem Billy ein Meister war. In der Wüste von Lucky Water lernte ich es, mich mit harten Fäusten zu wehren, in Geschicklichkeit und Ruhe, die allemal über brutale Kraft triumphiert. Ich verspürte den Hieb von unten auf das Kinn, der auch den stärksten Mann bewußtlos hinschleudert; den Schlag auf die Herzgrube, der den Getroffenen nach Luft schnappend hinsinken läßt. Wir zerhämmerten uns gegenseitig, bis jeder Fleck am Oberkörper brannte wie Feuer – und waren glückselig dabei.
Dann die Abende des Schweigens draußen im Sand! Wenn im Westen der Feuerball in roter Glut in das Land eintauchte, blieb auf Sekunden der Himmel tiefblau. Dann kam das Farbenmärchen. Ein greller Purpurstreifen leuchtete tief unten am Horizont, funkelnd grün an den Rändern, mit goldenen Strahlen an den Seiten, bis in unmerklichem Wechsel dunkles Violett aus dem Purpur wurde und fahles Grün weithin über den Himmel kroch und mit den blauen Tönen verschwand und das Violett aufsaugte. Und dann, schnell wie ein Blitzschlag, tiefstes Dunkel. Schwarzblaue Schattenmassen, in denen es fein, ganz fein aufglitzerte. Immer deutlicher wurden die Lichtpünktchen, und ehe man sich's versah, flammte es da droben in der abgründig blauen Unendlichkeit von Millionen strahlend weißer Schönheiten – in einem Zittern, einem Tanzen, einem Flimmern, als müßte im nächsten Augenblick ein ungeheurer Sprühregen weißen Lichts herabsinken auf die Erde.
Und stundenlang hab' ich oft in den Mond gestarrt; zu meiner Frau im Mond, von der ich um alles in der Welt den beiden andern nichts gesagt hätte. Meine Frau im Mond! Ganz unten am rechten Rand der Lichtscheibe war in blendender Weiße der Büstenansatz und der schlanke Hals, aus dem in feinen Schatten das Köpfchen emporwuchs mit massigem, tiefdunklem Haar. Weit lehnte sich das Weib zurück, als starre es in die Sternenpracht hinein. Über den Lippen bildeten helle und dunkle Mondflecken in undeutlichen Umrissen einen Männerkopf, zum Küssen sich niederneigend.
Traum über Traum kam, ein Luftschloß nach dem andern stieg empor und zerfloß in sehnsüchtigem Grübeln. Mein nur waren die Luftschlösser, wie es sein muß in den Träumen der Jugend. Wie leicht war es doch, sich Macht und Reichtum und Schönheit herunterzuholen aus den Sternen und in die Heimat zurückzukehren: Da bin ich – ich! Und Gold ausstreuen, und den bunten Rock des Offiziers anziehen, der von frühester Kindheit an mir den Lebenstraum bedeutet hatte. So lebten sie glücklich immerdar – sie beide – denn in die Träume gaukelte das Bild der alten Herzogsburg, und der Glückspilz von Träumer wandelte Hand in Hand mit dem Mädel in unbeschreibliche Seligkeiten hinein …
»Sie können uns gebrauchen!« lächelte Billy so ganz nebenbei am Morgen des letzten Tages. »Mister Agent war so liebenswürdig, zu telegraphieren!«
»Wer kann uns brauchen?« sagte Joe erschrocken.