»Und was willst du in San Franzisko anfangen?« fragte ein inneres Stimmchen.

»Wie kann ich das jetzt schon wissen!« gab ein anderes inneres Stimmchen anscheinend logisch zur Antwort.

Somit war die Angelegenheit zur schönsten Selbstzufriedenheit erledigt. Friedlich schlief ich in den weichen Polstern die ganze Nacht hindurch und blinzelte am nächsten Morgen vergnügt in die weiten Kansasebenen hinaus. In Colorado nickte ich bekannten Stationen vergnügt zu. Billy und Joe und ich waren da auf der Fahrt nach Osten durchgesaust. Das Felsengebirge fand ich prachtvoll (vom Speisewagen aus) – über die Mormonen unterhielt ich mich während der Fahrt durch Utah ausgezeichnet mit einer jungen Dame, die sich sehr entrüstet über die umfassende Heiraterei des Mormonentums aussprach und dabei energisch flirtete – Nevada verschlief ich zum größten Teil. Dann fuhren wir stundenlang in Tunnels, den riesigen Schneehütten der Sierra Nevada, die viele Meilen lang den Schienenstrang überdecken, um ihn vor Schneewehen und Lawinen zu schützen. Und dann tauchte wie durch Zauberschlag ein sonnenglänzendes Frühlingsland aus dem Dunkel auf. Saftiges Grün überall. Wälder von Obstbäumen unter tiefblauem Himmel, übersät in unbeschreiblicher Pracht mit feinzarten Blüten, schimmernd von schneeigem Weiß zu silberigen und hellrosa Tönen, strahlend in warmem Sonnenschein. Kalifornien, das Märchenland des Goldes. Das Land der Sonne und der Schönheit.

Stunden von Märchenfahrt im Sonnenland. Dörfer, Städte. Und endlich das Brausen und der Lärm der Königin des Westens, ein Auftauchen von tiefblauen Meeresfluten, ein Dahinschwimmen auf riesigem Fährboot, das im Städtchen Oakland, dem kleinen Bruder der glänzenden Schwesterstadt drüben über der Bai, den ganzen Eisenbahnzug aufnimmt und über die Wasser hinüberträgt nach San Franzisko; eine gewaltige Bahnhofshalle – ein Gewühl von Menschen …


Da lachte ich vergnügt vor mich hin, wie einer lacht, der seinen Willen durchgesetzt hat, und schritt in den Wirrwarr hinein. Noch interessierte mich das Leben und Treiben um mich her wenig. Denn Bruder Leichtfuß war praktisch geworden und gedachte sich, so wie er's in St. Louis getan hatte, vor allem die vier eigenen Wände zu sichern. Es fiel ihm gar nicht ein, nach Weg und Richtung zu fragen. Da wo der Lärm am größten war, wo die Geschäfte sich häuften, wo die Menschen sich am meisten drängten, da durfte man nur rechts oder links abbiegen und fand sicherlich in Nebengäßchen die Pappschilder mit der lakonischen Legende vom zu vermietenden Zimmer. Im geschäftigsten Teil der Stadt hausen ja immer die Junggesellen. So war es in St. Louis, so ist es überall auf der Welt, so war es auch hier. In einem Sträßchen, eingekeilt zwischen der Hafengegend und der glanzvollen Hauptstraße, der Market Street, fand ich bald ein Zimmer, klein, schäbig, aber mit prachtvollem Blick auf die Bai. Die sieben Dollars, die es im Monat kosten sollte, zahlte ich sofort im voraus und hörte geduldig zu, wie Madame Legrange, die Dame des Hauses, mir erzählte, San Franzisko sei eine Perle (so schön freilich nicht wie Paris), und sie sei eine Französin (»ah, la belle France, monsieur!«) und Mieter, die monatlich im voraus bezahlten, könnten auf ihre besonderen égards zählen, und sie sei auch einmal jung und schön gewesen. Das mußte aber schon lange her sein!

Und jetzt hinaus zur Königin des Westens! Vier Stufen auf einmal nehmend in Eile und Neugierde (es war Abend geworden über dem Auspacken und dem Baden) rannte ich die steile Treppe hinab und – –

»Hopla – confound it!« sagte ich.

»Hopla – oh, the devil!« sagte er.

Gleichzeitig betrachteten wir verblüfft eine Blechkanne, die polternd die Treppe hinabrollte, in dem offenbaren Bestreben, auch die wenigen Tropfen Bier, die noch in ihr waren, im Rollen loszuwerden. Er saß unten auf einer Treppenstufe, ich oben. Zwischen uns breitete sich ein Miniatursee von Bier und Schaum. "Er" war ein eleganter junger Mensch mit einem prachtvoll energischen Gesicht.