»Haben Sie gewonnen?«
»No.«
»Well, morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen desgleichen usw. Holen Sie sich's wieder. Bluffen Sie!«
Und im flimmernden Mondenschein, unter Wellengemurmel und Maschinengetöse, wurde mir zum ersten Male amerikanische Weisheit gepredigt, von einem einfachen Arbeiter. Poker war weiter nichts als ein Abklatsch des Lebens. Bluffen mußte man im Leben wie beim Pokern, nicht verblüffen lassen durfte man sich. Wenn man fünfzehn Cents in der Tasche hatte und nicht wußte, wo man seine nächste Mahlzeit herkriegen sollte, – mußte man aussehen und auftreten, als hätte man ungezählte Dollarnoten in der Tasche und einen offenen Kredit bei der nächsten Nationalbank. Dabei stellte man sich besser, als wenn man jedem Menschenkind entgegenschrie: Bemitleide mich, ich Ärmster habe nur noch fünfzehn Cents! Schneid mußte man haben. Beim Pokern mußte man durch eiserne Ruhe den Anschein erwecken, als hätte man ausgezeichnete Karten – im Leben mußte man sich arbeitskräftiger und klüger und besser stellen als man war. Nur nicht unterkriegen lassen! Glaub' an dich selbst, und die anderen werden an dich glauben. Sag' den Leuten, du seist stark, und man wird nicht gerne mit dir anbinden. Hilf dir selber, und alle Welt wird dir helfen. Bete nicht: Lieber Gott, hilf mir, ich bin ja so schwach – sondern bete: Lieber Gott, ich bin ja so stark, laß mich so bleiben! Und man mußte stets daran denken, daß das nächste Spiel das Glück bringen konnte, beim Pokern wie im Leben … Da schlief ich seelenvergnügt ein.
Wieder wurden die Decken ausgebreitet, und wieder rollten die Dollars, und wieder kamen die Heizer und die Matrosen in jeder dienstfreien Minute. Ich stand im Banne des Pokerschiffs wie jeder andere. Aus meinen wenigen Dollars wurde ein Silberhäuflein – dann schmolz es zusammen – dann wuchs es im ewigen Hin und Her. Der Tag verging mir wie im Flug. Drei Tage. Am dritten Tage kamen wir in Key West an. Als ein Schiffsoffizier in den Barraum hinunterrief, wer wolle, könne auf etwa zwei Stunden an Land gehen, sprang ich auf und eilte die Treppe empor.
Die anderen aber blieben sitzen und pokerten weiter.
Der amerikanische Prediger Talmage nannte einst in einer jener Sensationspredigten, die eine halbe Stunde nach Schluß des sonntäglichen Gottesdienstes in seiner berühmten Washingtoner Kirche an alle Zeitungen Amerikas telegraphiert wurden (von ihm selbst – gegen Honorar!), das Pokern die Nationalsünde der Vereinigten Staaten. Unzweifelhaft spiegle das Teufelsspiel um das goldene Kalb die besonderen Charaktersünden des Amerikaners getreulich wieder! Alle Glücksspiele zwar seien frevelhaft, doch dem Pokerspiel fehle sogar das versöhnende Moment des Leichtsinns. Das sei kein Glücksspiel mehr – sondern raffiniertes wohlberechnetes Sündigen! Mit bewußter Gier setze sich der Amerikaner an den Pokertisch und locke mit ehrbarem kaltem Lächeln dem armen Nebenmenschen (den man doch als Christ lieben müsse!) einen Dollar nach dem andern ab. Die Männer, die vier Asse in der Hand hielten und dabei ein betrübtes Gesicht machten, als hätten sie nicht einmal zwei Könige, um den armen Nächsten durch diese optische Vorspiegelung falscher Tatsachen saftig hineinzulegen – diese Männer seien schlimmere Sünder denn die Zöllner von dereinst! Ein moderner Tanz um das Goldene Kalb! Es illustriere im Kleinen die großen amerikanischen Sünden – die Goldgier; die Anmaßung, sich klüger zu dünken als der Nachbar; die Sucht, sich durch unehrliche Mittel zu bereichern, und vor allem einen frevelhaften Mangel an christlicher Nächstenliebe. Der Mann, der mit selbstzufriedenem Lächeln die sündigen Resultate eines niederträchtigen Bluffs einstreiche, sei der alte Pharisäer in moderner amerikanischer Auflage. Nur noch viel schlimmer! »Pokert nicht mehr, oh Amerikaner, und ihr werdet bessere Menschen werden!« – also predigte Ehrwürden Talmage – und ein vergnügtes Schmunzeln ging über das ganze Land. Denn jener Kampf im Pokerspiel von Selbstbeherrschung gegen Selbstbeherrschung, von Unverschämtheit gegen Unverschämtheit, von Geldwert gegen Geldwert und von Bluff gegen Bluff ist wahrlich typisch für die Art der Männer des Yankeelands, und Prediger Talmage hätte wissen können, daß seine Mitbürger gerade auf das stolz sind, was er ihre Nationalsünden nannte! Man lachte furchtbar über die Predigt. Und sie löste in jedem braven Amerikaner den frommen Wunsch aus, doch recht häufig als moderner Pharisäer mit frommem Augenaufschlag saftige Bluffresultate einstreichen zu können … Das ist eben die Nationalsünde!
Auf der Gangplanke des Sam Houston stieß ich mit einem Herrn in weißen Leinenkleidern und riesigem grauem Schlapphut zusammen.