Langsam gingen wir zurück. Es war Spätnachmittag, und die Sonne brannte nicht mehr so heiß wie mittags in Brenham. Aber noch lag es wie zitterndes Geflimmer in der drückenden Luft. Wir schritten auf weiter Grasfläche. Vor uns streckten sich grüne Massen von Laubgebüsch mit Millionen von weißen Flecken, die Baumwollenfelder. Das Land gehörte zum größten Teil den Muchows. Fünf Zehntel waren mit Baumwolle bepflanzt, ein Zehntel mit Mais, ein Zehntel mit Zuckerrohr. Der Rest war Gras und Wald.
In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen, der alte Mann mit den komisch schlotternden Hosen ein staatsstützender Agrarier, und Charley ein Gardeleutnant!
Hier unten in Texas wohnte der Besitzer von fast zwei Quadratmeilen Land in einem Holzhäuschen, das so aussah, als sei es in einem Tag zusammengenagelt worden, und aß in Hemdärmeln Speck und Kartoffeln zum Abendbrot.
In dem großen Zimmer, das als Wohnraum und Eßraum diente, stand auf rohem Bretterboden ein kostbares Piano, und über dem Piano hingen Tabakblätter zum Trocknen von der Decke herab – vor einem Schaukelstuhl aus Mahagoni lag ein Holzklotz als Fußschemel – eine zerbrochene Fensterscheibe war mit Papier zugeklebt; überall war die gleiche merkwürdige Mischung von teuren Dingen und primitivstem Behelfen. Das Haus hatte kein Fundament. Es war auf vier Ziegelsteinpfeilern errichtet, einen Meter hoch vom Erdboden, und in der Wohnstube konnte man hören, wie die Schweine unter dem Fußboden wühlten. Draußen auf dem Hof standen, achtlos in einer Ecke zusammengeschoben, landwirtschaftliche Maschinen, die Tausende wert sein mußten, ohne Dach und Fach, ohne jeden Schutz vor der Witterung. Vierzehn Pferde hausten in einem Schuppen, der an einer Seite offen war und vier Maultiere waren einfach an einen Zaun angebunden. Und am gleichen Zaun hing Sattelzeug, das von Silber strotzte …
»Well, Sie müssen sich verdammt komisch vorkommen!« sagte der alte Muchow, der Tränen gelacht hatte über Charleys Bericht von unserem Zusammentreffen in Galveston. »Schadet aber nichts. Wird sich schon machen. Arbeit schändet nicht, sag' ich. Wenn Sie erst 'mal ein bißchen Amerikaner geworden sind, können Sie vielleicht 'was Gescheiteres tun, als auf einer Farm zu arbeiten. Aber bei uns sind Sie willkommen. Sie arbeiten mit Charley das, was Charley arbeitet und – well, werden schon auskommen.«
Ich schlief oben im Dachraum zusammen mit dem jungen Muchow, denn Raum war knapp in dem Häuschen. Was ich alles träumte! Von Baumwollkönigen und Texas Girls und Sträuchern, auf denen weißes Silber wuchs, und genialen jungen Deutschen, die wunderbar schnell reich wurden. Da störte mich eine polternde Stimme in meinem Reichwerden.
»Hello, boys!«
Wir gingen in die Morgendämmerung hinaus, Säcke mit breiten Tragbändern über den Schultern, wassergefüllte Tonkrüge in den Händen. Ein Stückchen glühendroter Sonne war schon am Horizont zu sehen, und der feine weiße Nebel über dem Meer von Grün zog sich langsam in die Höhe. In wenigen Minuten hatten wir das Baumwollenfeld erreicht, das gepflückt werden sollte. Der alte Farmer und die beiden Mädchen tauchten sofort in die Buschreihen hinein.
»Du hängst dir den Sack um, so, daß du ihn neben dir herschleifst,« erklärte Charley, »und dann pflückst du mit beiden Händen die Früchte aus den Kapseln und steckst sie in den Sack. Und in zwei Stunden wird dir der Rücken so weh tun, daß du meinst, mit deinem Rückgrat sei irgend ein Malheur passiert. Aber das ist nur die Baumwollkrankheit und sie hört auf, wenn du dich erst einmal an das Bücken gewöhnt hast.«