»Weiß schon, weiß schon,« nickte der Major. »Signaldetachement — attention!«
Wir stellten uns erwartungsvoll in Reih und Glied. Der Leutnant las:
»Der kommandierende General befiehlt, daß jede herausfordernde Haltung den Spaniern gegenüber vermieden wird. Die Entwaffnung der spanischen Armee und die Besetzung von Santiago findet erst in einigen Tagen statt. Spanische Offiziere sind zu grüßen wie die eigenen Vorgesetzten. Besuch von Restaurants oder Wirtschaften in der Stadt ist verboten. Sie sind übrigens geschlossen.«
Der Major betrachtete uns vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann schmunzelnd: »Sergeanten und Signalisten! Ich habe in meiner militärischen Laufbahn noch niemals eine so verwahrloste und klapprige Gesellschaft gesehen wie euch. Sergeant Hastings — aus Ihrem rechten Stiefel guckt Ihr Zeh! Im übrigen weiß ich nicht, wer am schmutzigsten und abgerissensten ist. Ich bitte mir aus, Hastings, daß Sie als ältester Sergeant das in Ordnung bringen. Sie werden in der Stadt irgend einen englischsprechenden Kubaner auftreiben, es gibt deren genug, und ihn auf meine Kosten als Putzer für das Detachement anstellen. Die nötigen Einkäufe an Wäsche und so weiter besorgen Sie ebenfalls auf meine Kosten, Sergeant. Jeder Mann nimmt zweimal täglich ein Glas Whisky mit einem Chininpulver — für den Whisky und das Chinin werde ich sorgen. Achtet auf eure Gesundheit, Leute! Ich bin sehr zufrieden mit euch.«
Weiter ging’s. Mit verdoppelter Schnelligkeit. Wie mir ging es wohl jedem andern: Das Wasser lief einem einfach zusammen im Munde, wenn man an dieses Dorado von frischer Wäsche und kubanischem Putzer und Reinlichkeit dachte!
Wenige hundert Schritte nur hatten wir die Linie weitergelegt, als uns eine angenehme Ueberraschung wurde. Da, wo die eigentliche Straße begann, die in scharfem Bogen von Osten herkam, lagen im Gras eine umgestürzte Telegraphenstange und verwickelter Kupferdraht. Einige Meter weiter begann die Stangenreihe. Soweit wir es durch die Gläser erkennen konnten, war die Leitung dort intakt.
»Anschließen!« befahl der Major vergnügt. »Das Ding scheint zwar aus uralten Zeiten zu stammen, wird aber wohl funktionieren. Die Linie wird bei jedem zehnten Pfosten geprüft.«
So ging es sehr rasch vorwärts. Dicht hinter dem Gestrüpprand zweigten rechts und links von der Straße die spanischen Schützengräben ab. Sie waren viel flacher gegraben als die unsrigen auf den Hügeln und boten wirksamen Schutz eigentlich nur liegenden Truppen. Das Wunderbare aber war, wie die Spanier jede Baumgruppe, jede winzige hügelige Welle zu einer kleinen Festung gestaltet hatten. Wo Bäume standen, war inmitten der Baumgruppen der Boden tief ausgehöhlt worden, so, daß ein halbes Dutzend Schützen in der Höhlung kauern konnten. Viele Reihen stacheligen Drahts verbanden Baum mit Baum. Stacheldraht war überall. Scharfschützen in diesen Löchern mußten fast unerreichbar gewesen sein für Infanteriefeuer und hätten Dutzende von Angreifern, die der Stacheldraht behinderte, wegschießen können. Der Major schüttelte fortwährend den Kopf, und einmal platzte er heraus:
»Das wäre eine nette Bescherung gewesen — — «
Die Straße wurde breiter, der Boden ebener, wie festgestampft. Wir hörten Stimmen aus dem dünnen Gebüsch, das den Weg einsäumte, und ein spanischer Offizier trat auf die Straße; eine schlanke Gestalt in schneeweißer Uniform mit Goldlitzen an den Aermeln und am Kragen. Er blieb überrascht stehen, salutierte den Major in straffer Haltung, wandte sich rasch und verschwand wieder im Gebüsch. Einen Augenblick nur hatte ich in das tiefernste junge Gesicht gesehen, aber der Schmerz, der Haß in diesen Augen machten gewaltigen Eindruck auf mich. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, was ich wohl empfinden würde, wären wir besiegt worden. Was war mir Amerika! Mir, dem Fremden, der sein Leben zu Markte getragen hatte im Spiel! Und ich wußte, daß ich bitterunglücklich gewesen wäre, läge das Sternenbanner im Staub. In fröhlichem Uebermut und tollem Abenteurerdrang nur war das Spiel gespielt worden, aber es hatte Stärkeres ausgelöst, wie gutes Spiel es muß. Zusammengehörigkeit. Seit den Tagen im Tal von Santiago ist mir die Flagge der Vereinigten Staaten viel mehr gewesen als ein gleichgültiger Fetzen in Rot und Blau wie all die vielen anderen, die mich als Deutschen nicht kümmern. Es gibt Spiele, die man nicht vergißt.