In einem sonderbaren Gefühl von Mitleid beinahe und doch brennender Neugierde sah ich mich um. Das Gebüsch an den Wegseiten wurde lichter nach wenigen Schritten. Gestalten tauchten auf im Gezweig und tiefen Gras; helle Uniformen, Zelte. Mitten zwischen spanischen Truppen marschierten wir nun, und wenn wir hielten, um die Linie zu prüfen, umdrängten die Soldaten uns in Haufen.

Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dünnen Uniformen waren schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den Füßen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen zusammengestellt, sondern in großen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbärmlich; Stücke Segeltuch, an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schräg gegen den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgültig da, Zigaretten paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren. Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig genug und winkten uns zu. Wieder prüften wir die Linie. Ein spanischer Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Gürtel. Dafür gab er mir einen Rahmen mit fünf Mauserpatronen.

»Pour souvenir!« sagte er in gebrochenem Französisch.

Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschäft mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wußten wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit Speckstücken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberfluß gab. Die stets hungrigen armen Teufel von Cubanos waren ja wie besessen hinter einem Stück Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in die Mägen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die Speckstücke und die Zwiebacke aus den Händen, so schnell wir sie nur aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drängten uns Zigaretten und kleine Flaschen mit Rum auf dafür und bissen verhungert in das Hartbrot hinein, als sei es ein köstlicher Leckerbissen.

An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links und rechts, und zwischen den Bäumen leuchteten grelle Farben im Sonnenschein, weiße und gelbe und blaue, die ersten Häuser Santiago de Cubas. Dann verschwanden die Bäume, und aus dem Weg wurde eine breite Straße, die zwischen hölzernen Hütten hinführte, in denen die Aermsten von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Männer und Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als wir näher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen Bäuchen rannten schreiend in die Hütten.

Die alte Drahtlinie führte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale Gasse von Steinhäusern. Dröhnend hallten unsere schweren Schritte auf dem holperigen Pflaster. Flache Dächer hatten die Häuser und klein und niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren tief ausgetreten.

Totenstill und verlassen lag das Gäßchen da. Was es an Leben barg, versteckte sich hinter massigen Türen mit bronzenen, kastilischen Löwen als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Häuserwände warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag der Häuserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe Moderluft zu quellen. Still war es, so still, daß man leiser auftrat. Die Gäßchen und die Häuser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast. Was die glühende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weißen Wände zauberte, löschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich über die Gasse hinzogen und über Türen und Fenster krochen. Zwischen den spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fußsteig trat man in tiefe Löcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte sich hinter all den Gitterfenstern.

Mehr schmale Gäßchen. Mehr gelbe, blaue, weiße Häuserchen, alle alt und alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau.

An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwände viele Jahre und viele Wassertropfen große Löcher gefressen hatten, stand ein amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach vorwärts, wo das Gäßchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der Stille Lärm. Zwar sahen die kleinen Häuser noch immer über alle Maßen alt und verträumt aus, und vor Fenstern und Türen lagen hölzerne Läden, mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben und goldenen Lettern über Türen und Schaufenstern zeigten, daß hier doch noch lebendige Menschen wohnen mußten, die arbeiteten und kauften und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen, in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenüber. Sie trugen spitze Strohhüte und dünne Hosen und Jacken, bald braun, bald weiß, bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem Haar und kurzen Röcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten, und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten. Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevölkerung von Santiago herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drängten sie zurück. Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von amerikanischen Regulären gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war das Hauptquartier des Siegers.