So war denn der Krieg beendet.

Dieser wunderschön brutale Krieg mit seinen wunderschön klaren und einfachen Ursachen. Ein Krieg der Macht. Ein brutaler Faustkampf. Unmoralisch über alle Maßen. Der Große fraß den Kleinen — denn ich bin groß und du bist klein. Und doch wieder moralisch im höchsten Sinne. Unter dem starken neuen Herrn wurden in wenigen Jahren auf den Philippinen, auf Kuba, das immer eine Art amerikanischen Protektorats sein und nie ganz selbständig werden sollte, auf Portorico, überall in Westindien, ungeheure Werte geprägt, die in alle Ewigkeit brach gelegen hätten unter der spanischen Mißwirtschaft. Spanien aber, das gedemütigte, zu Boden geschlagene Spanien, das beraubte Spanien, das die Neue Welt entdeckt hatte und zum Dank bis in den Staub gedemütigt wurde von der Neuen Welt, erstarkte nur unter den Schlägen des Krieges. Es lernte. Seine kraftvolle Arbeit in Marokko während der nächsten zehn Jahre erstaunte jeden, der früher spanische Beamte und Gouverneure in spanischen Kolonien bei der Arbeit gesehen und sie höchstens für eine Operette tauglich befunden hatte. So wurde im letzten Ende Unmoral zu Moral.

Der unersättliche Große aber atmete erleichtert auf, als der kleine Gegner davonschlich. Teufel — es war doch gar nicht so einfach gewesen, und recht viel Glück hatte man nötig gehabt! Zwar ließ es sich leicht berechnen von Anfang an, daß man am Ende erfolgreich sein mußte. Die Siege der amerikanischen Flotte im pazifischen Ozean wie im westindischen konnten auf dem Papier auskalkuliert werden. Kein Sieg jedoch, kein Gebietszuwachs, keine neue imperialistische Weltmachtstellung hätten es in der öffentlichen Meinung des eigenen Landes gutmachen können, wenn amerikanische Männer zu Tausenden im Tal von Santiago zugrunde gegangen wären, weil der leichtsinnige Krieg sie in leichtsinniger Ausrüstung ins Fieberland geschickt hatte. Die Invasionsarmee war dezimiert von Fieberkrankheiten. In den ersten Tagen des August schon hatten, ein unerhörtes Geschehnis vom militärischen Standpunkt aus, ihre Generale in einem scharfen Schreiben an den Obergeneral Shafter die sofortige Zurückbeförderung der Armee nach den Vereinigten Staaten verlangt. Der Krankheitsstand lasse das Schlimmste befürchten. Das merkwürdige Vorgehen der hohen Offiziere, das wahrscheinlich mit General Shafter verabredet worden war, sollte starken Eindruck auf die obersten militärischen Behörden in Washington sowohl wie auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten ausüben. Daß ein solcher Schritt überhaupt notwendig wurde, beweist die Unsicherheit und Gefährlichkeit der Lage für die Truppen vor Santiago beim Ende des Krieges. Zwar war die spanische Flotte vernichtet, Portorico besetzt, die Provinz Santiago de Cuba erobert, eine spanische Armee von 23000 Mann kriegsgefangen. Damit hatte man gewaltige Erfolge errungen, war aber auch auf dem toten Punkt angelangt. Eine spanische Armee von über 80000 Mann, auf die verschiedenen Provinzen verteilt, hielt Kuba noch besetzt. Ein Vordringen der amerikanischen Invasionsarmee auf dem Landwege schien unmöglich — das Angreifen Havannas, des Herzens der Insel, durch die Flotte ein zum mindesten gewagtes Unternehmen.

So ergab sich eine beinahe lächerliche Lage: der tote Punkt. Die amerikanische Armee kampierte noch immer im Santiagotal und litt entsetzlich unter Klima und Fieber. Niemand wußte, was anfangen mit ihr. Der Leichtsinn, die Ueberhastung des ganzen Krieges rächte sich. In den Vereinigten Staaten regte sich scharfe Kritik. Schon zu Beginn des Krieges, als im Süden Amerikas die in rasender Eile zusammengetrommelten Freiwilligenregimenter in Feldlagern untergebracht wurden, in die bei dem völligen Mangel an allem Nötigen rasch der Typhus einzog, war die Regierung scharf angegriffen worden. Und jetzt das Fiebertal von Santiago! Noch sickerte die Wahrheit nicht ganz durch; noch wußte man im Heimatland nicht, daß seit dem Tag der Uebergabe der spanischen Armee mehr amerikanische Soldaten an Krankheiten gestorben waren, als die Gefechte an Menschenleben gekostet hatten. Die militärische Führung war ratlos.

Da kam der Friede.

Und es war, als ziehe der amerikanische Dollarmann jubelnd den Soldatenrock aus, der überall ein wenig drückte und nirgends so recht passen wollte, weil er in solcher Eile hatte zurechtgeschneidert werden müssen. Die Nation des Organisierens entsann sich ihres Berufs. Der Leichtsinn, die Ueberstürzung, das Ueberhasten verschwand im zauberischen Wechsel. Kühle Ueberlegung trat an ihre Stelle. Dem General folgte der kaufmännische Organisator — der echte Amerikaner, der mit Geld nicht knausert, wenn das Ziel der Mühe wert ist, und sich bei Kleinigkeiten nicht lange aufhält.

Das Klima des Santiagotals war unerträglich in dieser Jahreszeit? Dann weg mit der Armee! Sie ersetzt durch Regimenter von Negern und Weißen der Südstaaten, die gegen Fieberkrankheiten immun waren! Die Armee war krank? Dann in ein ungeheures Krankenhaus mit ihr, auf daß sie gesund werde! Ansteckungsstoffe waren zu befürchten in jedem Uniformrock, in jedem Hemd? Weg dann mit der gesamten Ausrüstung der Armee!

»Regardless of cost!« hatte Präsident McKinley kurz gesagt. »Der Kostenpunkt ist Nebensache!«

Die Amerikaner waren’s zufrieden. Sie, die keine direkten Steuern bezahlten und ihre Kriegskosten einfach durch eine Biersteuer und eine Schecksteuer aufbringen konnten, wußten recht gut, daß die über Nacht errungene Weltmachtstellung, die neue Ausdehnung des amerikanischen Reichs, Milliarden an kaufmännischen Dollars wert war. Niemand murrte, als die leitenden Hände in den reichen Yankeesäckel griffen. Ströme von Gold flossen dahin.

Eine ungeheure, kahle, sandige Fläche auf der Insel Long Island wurde zum Gesundheitslager der Armee erwählt. Dort war es kühl, jetzt im August schon. In allen Richtungen fegte Tag und Nacht vom Meer her der frische Wind. Der sollte sie wegblasen, die Fieberschlaffheit und das Tropenmüdesein. Die Zeltstadt von Montauk Point entstand. Gassen und Straßen schneeweißer Zelte. Die Gewerbe des Landes arbeiteten wie im Fieber, die Stadt zu erbauen. Jedes Zelt wurde aus neuem Segeltuchstoff neu zurechtgeschneidert, denn kein altes Schmutzstäubchen sollte Raum haben im Gesundheitslager. Jedes Zelt erhielt einen Fußboden aus sorgsam zusammengefügten und geglätteten Brettern, ein jedes einen kleinen eisernen Ofen, ein jedes neue schneeweiße Betten und Stühle und Regale. Die Straßen wurden sorgfältig ausgebaut und ein System von Abgußkanälen angelegt. Aerzte und Krankenpflegerinnen versammelten sich. Die Eisenbahnen schleppten gewaltige Mengen von Uniformen und Wäsche herbei. Um das Lager wurde ein Postenkreis von besonders ausgesuchten Regimentern gezogen, die keinen Menschen hinauslassen durften und keinen hinein, jede neue Ansteckung zu verhüten. Dampfertransporte mit den neuen fiebersicheren Truppen gingen nach dem Santiagotal; Frachtdampfer mit großen Mengen von Lebensmitteln, die sehr sorgfältig ausgesucht wurden; Hospitalschiffe, deren Aufgabe es war, das Schmutznest Santiago nach allen Regeln moderner Desinfektionskunst sauber zu machen. Dann dampften die Schiffe mit den kranken Regimentern heimwärts zum Gesundheitslager.