Am nächsten Tag wurde das weihevolle Ereignis in vielen Zeitungsspalten geschildert. Die Gesellschaftsreporter fanden mühelos die richtigen Töne. Sie lachten sich zwar wahrscheinlich halbtot dabei im Redaktionssanktum bei Bier und Zigarette — aber die Töne fanden sie!
Sie sprachen ernsthaft und gediegen von allerhöchster Ehre. Sie flöteten zart vom symbolischen Weihekuß. Sie nahmen gedankenvoll das Konversationslexikon zur Hand und fanden auch glücklich klassische Vorbilder, die sich prachtvoll zu Vergleichen eigneten und die ganze sentimentale Geschichte auf ein anständiges Niveau hoben. Am nächsten Tag durcheilte die wichtige Nachricht Amerika.
Ueber das weibliche Amerika brauste ein Sturm der Begeisterung.
Das war groß. Edel. Ungeheuer. Das war Heldenlohn. Schöner und reicher als alle Schätze an Gold und Ehren.
Man gab einen zweiten Ball in Washington, wiederum zu Ehren des Leutnants, und wiederum begann er mit einem Weihekuß. Diesmal jedoch schlossen sich die anwesenden Damen der ersten Weiheküsserin ziemlich vollzählig an. Es schien ihnen wohl Anstandsgebot, einem wirklichen Helden wahrhafte Ehren auch reichlich genug zu erweisen. Es hagelte Küsse auf Hobson herab — und der arme Leutnant wurde verrückt! Der mannhafte Mann, der Held, der Todeskämpfer wurde zum Schwächling und eitlen Toren. Er wurde hysterisch, genau so hysterisch wie die »Küsserinnen«. Er ließ sich überallhin einladen, zu Dutzenden von Bällen in Washington allein, in Boston, in Baltimore, und wurde überall geküßt.
Es war tragikomisch. Nein, tragisch mehr als komisch. Der Amerikaner verträgt und ermutigt sogar sentimentale Dinge, wenn sie mit Frauen zusammenhängen, namentlich bis zu einem gewissen Punkt. Dann aber schnappt irgend etwas bei ihm.
Bei der Hobson Küsserei schnappte es! Noch einige Male berichtete die amerikanische Presse in nicht ganz echt klingender Begeisterung über die Hobsonbälle und die Weiheküsse. Dann war es aus. Eine New Yorker Zeitung machte den Anfang:
»Mr. Hobson läßt sich schon wieder küssen! Die Sache wird zur üblen Gewohnheit!!« überschrieb sie einen lustigen Bericht.
Und nun donnerte ein nimmer endenwollendes Gelächter herab auf den armen Hobson. Man nannte ihn den geküßten Hobson — den küssenden Hobson. Man erwog ernsthaft, ob eine Veränderung seiner Mundlinien zu befürchten sei durch die starke Inanspruchnahme der Lippen — man hieß ihn den bestgeküßten Mann der Welt — man zeichnete ihn in bissigen Karikaturen umdrängt von kußlechzenden Frauenantlitzen — man riet ihm ernsthaft, auch den Westen Amerikas abzugrasen. Ein besonders niederträchtiger Schreibersmann empfahl ihm das Erheben von Eintrittskußgeld. Ganz Amerika lachte drei Wochen lang.
Das Unglaubliche, das Brutale, das Tragische war geschehen. Ein braver Mann, der sich den Dank seines Vaterlandes ehrlich verdient hatte, war für alle Zeiten zu einer lächerlichen Hanswurstenfigur geworden. Heute noch löst der Name Hobson in Amerika ein vergnügtes Schmunzeln aus. Der Held der Santiagofelsenenge ist vergessen — der Vielgeküßte unsterblich geworden.