Im Schlafwagen fuhren wir! Selten wohl ist eine Armee so teuer, so bequem, so schnell befördert worden. An den Hauptstationen hatten die begeisterten Bürger riesige Tische aufgestellt und sie mit guten Sachen beladen, und wenn der Zug hielt, dann konnte man sich einfach nicht retten vor händeschüttelnden Männern, die einem Zigarren in die Taschen stopften, und alten Damen, die einen mit Delikatessen und frommen Segenswünschen überschütteten. Es war wie eine Fahrt durchs Märchenland inmitten von lauter Knusperhäuschen, die man nur anzubeißen brauchte. Von den Härten kriegerischer Zeiten hat in jenen Tagen gewiß kein einziger Mann der Zwanzigtausend, die auf Schnellzügen nach Florida eilten, auch nur das Geringste verspürt. Nichts war zu gut und zu teuer für die blauen Jungens.

Es gab Vorschußlorbeer in gehäuften Massen. Wer eine Uniform trug, wurde verhätschelt — besonders von der jungen Weiblichkeit. Onkel Sams Töchter hatten es sich in ihrer glühenden Begeisterung in die Köpfchen gesetzt, sich wenigstens kriegerische Trophäen unter die Kopfkissen zu stecken und vom Krieg zu träumen, konnten sie selbst nicht kämpfen. In Scharen überfielen sie unseren Zug an jeder Haltestelle und geizten nicht mit Küssen und Versprechungen, für uns zu beten. Das war sehr angenehm. Ich bin leider nie wieder in meinem Leben von so vielen holdseligen Mägdelein geküßt worden.

Weniger angenehm jedoch war, daß die Frauenzimmerchen dabei stahlen wie die Raben! Sie mausten die Patronen aus den Gürteln und schnitten einem beim Küssen heimtückischerweise die blanken Knöpfe von der Uniform. Am zweiten Tag hatte ich überhaupt keine Knöpfe mehr am Rock und mußte mir Sicherheitsnadeln erbetteln, meine Blöße zu decken. Die farbiggestickten Flaggen an den Aermeln, das Abzeichen des Signalkorps, und die Messingflaggen an der Mütze gingen schon am ersten Tag heidi. Aber es war dennoch sehr schön.

Knöpfe konnten ja telegraphisch nachbeordert werden.

So zogen wir gegen Tampa, den berühmten Winterbadeort der amerikanischen Millionäre, und — schnappten entsetzt nach Luft. Tampa mochte ja ein Traum von Schönheit sein im Winter — jetzt, im Sommer, konnte man es ein Vorgemach der Hölle nennen. Wir zogen uns schleunigst die Röcke aus und nahmen sie so bald nicht wieder in Gebrauch. Sobald — das heißt, vier Monate lang, denn kurz darauf in Kuba trug man erst recht keinen Rock. Man nannte uns schwitzende Gesellen die Armee in Hemdärmeln! Feuchtheiß war die Luft und heiß der gelbe Sand und lauwarm das Wasser des Meeres am Strand. Sengende Hitze lagerte über den Tausenden von Zelten, die das Städtchen umrahmten, und es mag ungemütlich genug gewesen sein in den winzigen Segeltuchhütten. Dagegen hatten wir vom Signaldienst das große Los gezogen. Wir wohnten vornehm im Tampahotel, das sonst nur Millionäre beherbergte.

Im Privatbureau des Hotelbesitzers war der militärische Telegraphendienst eingerichtet worden.

Dort hauste der Teufel der Aufregung.

Während der Tage des Wartens auf das Einschiffen lebten wir Telegraphisten in ständigem Hasten. Das Signaldetachement bestand aus Oberst Green, dem Major Stevens, vom Artillerieleutnant drei Grade höher befördert, dem Leutnant Burnell, vom Signalsergeanten befördert, sieben Sergeanten und vierzig Mann. Ich gehörte zu der Stabsabteilung von sechzehn Mann unter Major Stevens. Die übrigen, von denen wir völlig getrennt waren, bildeten das Ballon-Detachement. Wir Signalleute waren sehr selbständig, denn die Offiziere wurden durch den geheimen Nachrichtendienst, die Verhandlungen mit kubanischen Insurgenten, das Dechiffrieren ganz in Anspruch genommen. Die Verantwortung des eigentlichen telegraphischen Dienstes war uns ganz allein aufgehalst. Das Arbeiten mit den vorzüglichen Apparaten und der gut funktionierenden Linie bot freilich äußerlich keine Schwierigkeiten. Aber man lebte in einer Luft furchtbarer Aufregung. Wir sechzehn Mann, drei Sergeanten darunter, hatten vier Morseapparate und vier long distance Telephone zu bedienen. Die Arbeit hetzte. Es schwirrte von Depeschen aus Washington. Die Rapportmeldungen jagten sich, wurden doch alle Telegraphenleitungen, nach dem Norden sowohl wie besonders nach den kleinen Floridainseln, militärisch überwacht, um ein Anzapfen des Drahtes durch Spione zu verhindern, und die Führer der Patrouillen mußten sich in bestimmten Zeitabständen melden. Ein unbeschreiblicher Wirrwarr von Ausrüstungsfragen, Personalangelegenheiten, Chiffretelegrammen huschte über den Draht. Tag und Nacht arbeiteten wir im Schweiße unserer Angesichter. Kaum Zeit zum Schlafen fanden wir. Jeder Einzelne von uns war gewarnt worden, daß jede Nachlässigkeit im Aufnehmen von Meldungen durch ein Kriegsgericht schwer bestraft werden würde. Verrat von Telegrammen wurde mit Erschießen bedroht.