Aber mit keinem Zeitungskönig hätt’ ich getauscht!
Denn keiner in der Armee außer den höchsten Offizieren konnte dem Pulsschlag der Ereignisse so lauschen wie wir Signalleute.
Unsere gierigste Neugier galt den Telephonen. Ueber sie kamen die wichtigsten Depeschen, telegraphisch abgeklopft zur Vorsicht, mit einem Bleistift am Schallbecher, im Armeecode, der sich vom üblichen Morse etwas unterschied. Die Meldungen der Flotte.
In den Tagen des Hangens und Bangens in Tampa galten alle Hoffnungen und alle Befürchtungen den Nachrichten vom Meer. Die spanische Flotte in Westindien war verschwunden. Man wußte, daß kurz vor Ausbruch des Krieges in den kubanischen Gewässern nur einige Stationsschiffe gewesen waren, ein starkes Geschwader aber unter Admiral Cervera auf hoher See kreuzte. Nach diesem spanischen Geschwader suchten seit vielen Tagen in nimmerendender Jagd die gesamten atlantischen Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten. Torpedoboote und Torpedojäger huschten von kubanischem Hafen zu kubanischem Hafen. Die Linienschiffe patrouillierten den Ozean weithin ab. Cervera und seine Flotte blieben verschwunden — und waren doch wieder gegenwärtig wie ein aus dem Nichts drohendes Gespenst. Die Kenntnis ihrer Stellung, ihre Vernichtung war der Angelpunkt, um den alles sich drehte. Schien doch ein Transport von zwanzigtausend Mann in ungeschützten Schiffen selbst unter stärkster Flottenbedeckung ein va banque Spiel, solange die Gefahr bestand, daß Cervera die in sich selbst wehrlosen Truppenschiffe angreifen würde. Bis eine Seeschlacht geschlagen war, konnten alle Transportschiffe gesunken sein!
Tag für Tag kamen und gingen die Gerüchte und die falschen Meldungen. Da telephonierte ein Torpedojäger von einer der winzigen Floridainseln, siebzig Seemeilen südlich seien starke Rauchwolken gesichtet worden; Bericht folge. Drei Stunden später kam zum Herzbrechen enttäuschend die Aufklärung: Englischer Kohlentramp! Beschlagnahmt! Oder es hieß: Gestern gemeldeter Radius abgesucht. Erfolglos ...
Von Stunde zu Stunde stieg die Aufregung in Tampa. In dem kleinen Vorzimmer des Telegraphenraums warteten ständig Offiziere des Generalstabs auf die neuesten Drahtmeldungen, und selten verging ein halber Tag, in dem nicht die unsinnigsten Gerüchte umherschwirrten. Bald sollte ein spanisches Torpedoboot unweit Tampas gesichtet worden sein — bald gar eine entscheidende Seeschlacht geschlagen ... Draußen aber in Port Tampa an den riesigen Kais harrten in langen Reihen die schwarzen Kolosse der Transportdampfer, ständig unter Dampf.
Bis das Gespenst beschworen wurde.
An einem heißen Sonnenmorgen kam, wieder von einer der kleinen Inseln bei Key West, eine Depeschenboot-Meldung der Flotte übers Telephon:
Gesuchtes Santiago!
In den Hafen von Santiago de Cuba hatte sich die spanische Westindienflotte geflüchtet, um zu kohlen und zu reparieren. Und saß in der Falle! Jener Hafen lag weit inland, und seine Einfahrtstraße war so schmal, daß zwei Schiffe sie nicht gleichzeitig passieren konnten — vor dem Hafen aber lag nun das starke atlantische Geschwader der Vereinigten Staaten. Die spanische Flotte konnte nicht heraus. Die amerikanische nicht hinein. Die Spanier durften den Durchbruch kaum wagen, hätten sie sich doch einzeln Schiff für Schiff angreifen lassen müssen; die amerikanische Einfahrt hinderten Seeminen und die Kanonen des Morrokastells am Hafeneingang.