»Das ist eine furchtbar lange Geschichte,« sagte ich, wieder sehr ernsthaft. »Aber seien Sie doch friedlich. Wir tun hier nur unsere Pflicht. Es wäre Ihnen doch sehr unangenehm, wenn wir uns mit dem Flaggschiff in Verbindung setzen und uns beschweren müßten. Sie sind doch benachrichtigt worden, daß das Signalkorps den Signaldienst übernimmt?«
»Ha — freili! Wisset Se, i ha’ ja auch nix dagege’! I bin nur aus ’m Häusle g’wese, weil die Offizier’ mi chikaniert habe. Ha! Signalisiere Se, soviel Se wöllet! Ha! ’s freut mi!«
Um die Geschichte kurz zu machen — Mr. Kapitän war ein Württemberger, auf allerlei Umwegen in die Dienste einer New Orleans’er Reederei und jetzt als Kapitän des gecharterten Dampfers in die Dienste Onkel Sams geraten. Fortan aber schliefen Souder und ich in der besten Kabine und wurden genährt wie zwei Herrgötter in Frankreich — einschließlich gelegentlicher Flaschen Sekt. Der Lausbub hatte wiederum Glück gehabt!
Souder entweder oder ich, alle beide meistens, waren Tag und Nacht auf der Kommandobrücke. Wären wir nicht so begeistert, so aufgeregt, so gierig nach Nachrichten gewesen, so hätten wir wahrscheinlich furchtbar geflucht über das Unwesen des Signalisierens der Marine. Nie ließen die Flaggen einem Ruhe! Ich weiß nicht, wie das bei anderen Flotten gehalten wird, aber die Amerikaner jedenfalls waren darin ekelhaft. Entweder wollte man von uns wissen, wie’s um die Gesundheit der Maultiere stünde, oder man wiggwaggelte unter dem dringenden Alarmsignal, der Dampfer habe wenigstens fünf Meter zu wenig Kielabstand, oder irgend jemand sandte seine Komplimente und wünschte zu erfahren, weshalb das Antwortssignal auf die Depesche vorhin nicht prompter gegeben worden sei. Außerdem sausten beständig die flinken Torpedoboote um uns herum und trompeteten alle Augenblicke irgend etwas Ueberflüssiges durch ihre Megaphone, um auch ihren Senf dazu zu geben. Der cholerische Schwabe wurde beinahe verrückt vor Wut. Wir aber lernten Geduld und Humor und ärgerten gelegentlich das Flaggschiff, indem»Souder, 1st class sergeant U. S. Signalcorps im Auftrage des Kapitäns in Kommando des Truppenschiffs so und so« Anweisungen für die Behandlung eines fiktiven kranken Maulesels erbat, dem wir natürlich die scheußlichsten Symptome andichteten. Dann lachte die gesamte Flotte und signalisierte (durchaus unoffiziell zwar) schlechte Witze und gänzlich unausführbare Ratschläge. Die Kinder, die gute Männer doch sein sollen, wollten ihr Spielzeug haben, selbst in ernstesten Zeiten.
In hetzender Fahrt jagte die Transportflotte gen Süden.
Vier Tage lang dauerte die Meerfahrt, und jede Stunde der vier Tage war Aufregung und nichts als Aufregung. Mit jeder Minute geizten Souder und ich, die wir nicht oben auf der Brücke zubringen konnten; mit Essenszeit und Schlafensstunden. Jede Flagge, die an den Signalleinen emporstieg, war ein nervös erregendes Ereignis, das von unbeschreiblicher Wichtigkeit sein konnte, und jeder bloße Dienstrapport stellte eine bittere Enttäuschung dar, weil man ständig in atemraubender Gier auf das Große wartete.
Märchenhaft schienen mir die bunten Tuchfetzen der Signalflaggen. Sie sprachen und erzählten. Sie befahlen und lachten. Sie waren es, die den starren Schiffsmassen Leben einhauchten und der schwimmenden Stadt auf dem Meer die Gesetze diktierten. In den Nächten aber leuchtete und funkelte und glitzerte es tageshell in Fluten von Licht. Kein dunkles Fleckchen ließen die gewaltigen Scheinwerfer der Kriegsschiffe auf dem weiten Wasserkreis, in dem wir schwammen, und in unablässiger Bewegung hoben und senkten und kreuzten sich die weißen Lichtbündel, um dann auf einmal kerzengerade nach oben sich auf eine Wolke zu richten. Dann sprach die Wolke. Sie blitzte grell auf — lang — kurz — — — kurz ... kurz ... lang ... — und aus dem Aufleuchten formten sich, so leicht lesbar wie Schrift, die Buchstaben, die Worte, die Sätze, die Depeschen. Und wir starrten in das Licht um uns und suchten angstvoll nach dem tiefroten Aufglühen an den Schiffsmasten, das nach dem Geheimcode Gefahr bedeutete.
Nur einmal während der Fahrt wurde das nächtliche Alarmsignal gegeben. Souder schlief und ich hatte die Wache, als spät nach Mitternacht plötzlich fünfhundert Meter etwa vor uns die drei Gefahrlaternen wie winzige glühende Punkte aufflammten.
»Alarm!« schrie ich, und der Kapitän stürzte aus dem Steuerhaus.
Da begann der Scheinwerfer zu reden: