Denn: Der Herr Major hatte unten am Strand den Karren — gestohlen!

Für die gute Sache! Von da ab hätten wir uns für diesen Mann totschlagen lassen. Das war ein Mann! Vielleicht erzähle ich später einmal, wie Major Gustave W. S. Stevens das Schatzamt des Signaldienstes bemogelte, um das Geld für die ersten Flugversuche der Armee zu schaffen, das der Kriegsminister und der Chef des Signalstabs nicht hergeben wollten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte.

Der Major zog seinen Uniformrock mit den schön glänzenden Silberstreifen und den goldenen Adlern aus und arbeitete so hart wie wir daran, die Instrumente und den kostbaren Draht auf dem Karren zu verstauen. Unterdessen hatten Leutnant Burnell und seine Leute die ersten fünfzig Meter Draht gelegt und die Verbindung mit dem Stationsinstrument hergestellt.

Vorwärts ging es jetzt. Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war ein armseliges Weglein kaum zwei Meter breit und so tief verschlammt vom Regen der Nacht und den Fußtritten von Tausenden, daß man einsank bis zu den Knöcheln. Und vollgestopft von Truppen. Infanteristen. Batterien, deren Mannschaften langsam und mühselig Zoll für Zoll die Geschütze vorwärtsschoben, denn die Gäule konnten es nicht schaffen. Links und rechts aber vom Weg starrte der Buschurwald mit seinen verrankten, verschlungenen, verdornten Gewächsen, die so fest waren wie eine Mauer und uns keinen Schritt weit eindringen ließen.

»Platz!« schrie Major Stevens. »Spezialdienst. Signalkorps!«

Die Infanterie duckte sich an die Wegseite, und holtergepolter jagten wir vorbei mit unserem Karren. Wir hatten uns lange Stangen mit gabeligen Enden geschnitten und warfen den ausgezeichnet isolierten Leitungsdraht einfach über das Urgebüsch, nur alle hundert Meter spannend und festknüpfend. Rasch kamen wir vorwärts, rascher als die Infanterie. Die marschierte nur, während uns die Neugier vorwärtspeitschte. Dann kamen wir zu den Geschützen und wären beinahe stecken geblieben, konnten doch die schweren Stahlmassen in dem engen Pfad nicht ausweichen, wollten auch gar nicht, oder ihre Herren vielmehr wollten nicht, denn Offiziere und Kanoniere spuckten ohnehin schon Galle über den miserablen Weg und pfiffen natürlich auf Telegraphendrähte und derlei Belanglosigkeiten. Wie es uns gelang, an den Kanonen vorbeizukommen, ist mir heute noch ein halbes Rätsel. Ich weiß nur, daß der Major fluchte und puffte wie ein Hausknecht, daß wir den Draht und die Instrumente abluden und sie im Laufschritt vorwärtsschleppten, daß wir den gestohlenen Karren auseinanderlegten und ihn stückweise über die Köpfe der Artillerie hinwegtrugen. Dagegen weiß ich noch ganz genau, daß ich an einer Ecke einem unverschämten Artilleristen, der mich absichtlich behinderte, eine schwere Drahtrolle gewaltig um den Schädel schlug ... Wie roh das war! Wie leid mir das tut in der Erinnerung! Aber — ach, was waren das für schöne Zeiten!

Jetzt brannte die Sonne kerzengerade hernieder, als hätte sie sich das Weglein und nur das Weglein zum Heizen ausgesucht, und dampfende, ekelfeuchte Hitze hüllte uns ein, vermengt mit giftigen Modergerüchen aus dem tausendjährigen Dschungel zur Seite, dem Hexenkessel mit seinen häßlichen Dämpfen aus faulender Feuchtigkeit und schwärzendem Heißsein. Dicht, starr, stand der Urwald. Der Gedanke stieg in mir auf, wie es überhaupt möglich sein konnte, in dieser eingekeilten Enge einen Feind anzugreifen oder von einem Feind angegriffen zu werden; eine Schützenlinie zu entwickeln, vorwärtszustürmen. Da ich zwanzig Jahre alt und neugierig war, befragte ich den Major darüber, als er neben mir schritt. In Tampa hatten wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Aber die wenigen Stunden schon auf kubanischem Boden hatten zwischen ihm und uns jene eigentümliche Verbindung des Vertrauens hergestellt, die von Mann zu Mann überspringt nur in Zeiten männlicher Höchstleistung, wenn jeder, der Führer und der Geführte, hergibt, was in ihm ist. Er war unser und wir waren sein. Darüber redete man nicht. Das fühlte man. Man stand zusammen und man fiel zusammen. In unserem Schneid und unserer Arbeit lag seine Hoffnung auf Glück und Ehren — und aus seinen Händen nur konnte unser Lohn gegeben werden.

Die Disziplin litt nicht darunter, wenn auch die äußerlichen Unterschiede zwischen Mann und Offizier sich als äußerlich und belanglos verwischten.

»Well,« sagte er lächelnd, »es ist eine scheußliche Gegend, wie Sie ganz richtig bemerken. Ich bin von Hause aus Artillerist und kann mir lebhaft vorstellen, daß es höllisch unangenehm wäre, würden wir jetzt mit Schrapnell überschüttet!«

Ich wurde puterrot. »Ich hatte — aber — durchaus — nicht Angst!« stammelte ich.