Worauf er des weiteren ausführte, daß es ihm ja an und für sich schon unverständlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben könne als in God’s Country, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt München. Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch sei und bleibe es ihm, daß einer, dem es vergönnt gewesen sei — — usw. usw.
Ich lachte und führte ihn in das Gebäude der Münchner Neuesten Nachrichten.
Die Männer der Münchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar liebenswürdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch schrieb, ein dankbar Lied zu singen weiß. Bob bekam manches zu sehen und manches zu hören. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur über das Wesen des künstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) — wir unterhielten uns mit dem Mann der inneren Politik über den Leitartikel (der den Zeitungen Amerikas etwas völlig Nebensächliches bedeutet) — wir suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte natürlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview über die Münchner Eindrücke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden.
»Gut!« sagte Bob draußen auf dem Korridor. »Verdammt gut! Die Leute verstehen ihr Geschäft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, daß den armen Teufeln so lächerlich wenig Zeilenraum zur Verfügung steht.« Dann blieb er kopfschüttelnd stehen. »Da sagt man immer, in Germany seien die Leute so überaus vorsichtig mit ihren Dollars!« brummte er. »Aber ich will gehängt werden, wenn’s bei uns eine einzige Zeitung gibt, die ihre Leute auch nur annähernd so luxuriös beherbergt wie das Blättchen da! It’s remarkable!«
Immer erstaunter wurde sein Kopfschütteln, je mehr der Räume der Redaktion er sah. Da waren Möbel, deren jedes Stück ein großer Künstler entworfen hatte, und Wunder von künstlerischen Schreibtischen und Beleuchtungskörper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wänden, und von der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war äußerlich aber auch gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Dröhnen und Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten Erdgeschoß. Dann plauderten wir wieder mit anderen Männern, und Bob sah, daß der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit überall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinübergingen in das Reich der »Jugend« und Saal auf Saal der wundervollsten Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende stählerner Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das größte Rotationsungetüm.
»Gut — gut — verdammt gut!« sagte Bob. »Aber wenn ich mich nicht sehr irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...«
Da lachte ich und gab keine Antwort.
Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes Märchen erster Jugendliebe, und ein gar verknöcherter Kritikus muß der sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube nicht, daß wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische Reporterart haben. Ich weiß nicht einmal, ob es wünschenswert wäre, hätten wir sie. Ich weiß nur, daß mein eigenes Erleben als zwanzigjähriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der Jugendmärchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife.