»Dort — in dem Baum dort!« flüsterte ich.

»Unsinn, Mann! Was du siehst, ist nur ein heller Lichtfleck ...«

Wir waren gründlich angesteckt von der Scharfschützennervosität auf der amerikanischen Seite, die in jedem Sonnenfleck in einer Baumkrone einen spanischen Schützen sah. Nicht nur jeder Soldat, mit dem wir gesprochen hatten, wußte von Hunderten unheimlicher Scharfschützen zu erzählen, die sich hinter unserer Angriffslinie umhertrieben, sondern eine besondere Depesche vom Hauptquartier hatte sogar befohlen, die Wälder sorgfältig abzusuchen und die auf den Bäumen versteckten Spanier zu finden und unschädlich zu machen. Die Armeefama übertrieb. Aber doch war an den Gerüchten viel Wahres. So manchen Spanier hatten die amerikanischen Regulären nach langem Suchen in den Bäumen entdeckt und erbarmungslos herabgeschossen; denn die Truppen empfanden das heimliche Feuern aus Verstecken innerhalb der amerikanischen Linien als etwas Heimtückisches, Unerlaubtes. In Wirklichkeit befanden sich diese spanischen Scharfschützen sehr gegen ihren Willen auf verlorenen Posten. Sie hatten sich in dem Gelände vor der spanischen Verteidigungslinie in Baumkronen eingenistet, als Späher und Vorposten, ehe der amerikanische Marsch auf die Hügel begann. Dann waren sie durch das rasche Vordringen der amerikanischen Regimenter abgeschnitten worden.

Da blieben sie in ihren Verstecken. Höllenqualen der Angst müssen sie ausgestanden haben. Blieben, wo sie waren, in Todesangst — feuerten wohl auch auf vereinzelte amerikanische Soldaten in halbem Irrsinn — statt herabzuklettern und sich gefangen zu geben. Sie fürchteten sich zu sehr. Man hatte ihnen zu viel erzählt von den amerikanischen Barbaren, die gekommen seien, die Insel zu stehlen, und Gnade und Barmherzigkeit nicht kennten. Sie mochten bei der Madonna und allen Heiligen fest daran glauben, daß der Yankee seinen Gefangenen den Bauch aufschlitze, wie das die lieben kubanischen Insurgenten zu tun pflegten. So warteten sie zitternd und feuerten blindlings auf amerikanische Patrouillen und starben.

Trotz allen Spähens entdeckten wir aber nichts und stampften endlich weiter.

Der Pfad war heute noch schlammiger und noch tiefer eingelöchert von Tausenden von Menschentritten und Maultierhufen. Als wir um die Wegkrümmung bogen, sahen wir unter den Bäumen, ein gut Stück im Wald, ein großes weißes Hospitalzelt mit der Roten Kreuz-Flagge. Weiter vorne am Pfad hockten überall Verwundete, die zum Erbarmen elend aussahen mit ihren schlammbeschmutzten, blutbefleckten Verbänden und den über und über schmutzigen Kleidern und den blassen Gesichtern. Sie mußten warten, bis die Aerzte Zeit für sie fanden. An einem Busch war ein Packmaultier angebunden, und sein Führer verteilte aus einer großen Kiste Kautabak und Rauchtabak an die Soldaten.

»Mann, der Tabak ist gut!« hörten wir einen Verwundeten sagen. »Wenn du jetzt noch ein bißchen Whisky hättest, würd’ ich mir gern noch ein Loch in den Arm schießen lassen!«

Totenstille herrschte im Wald. Wo gestern die Kompagnien, die Regimenter, die Menschenmassen in der rasenden Eile und dem schreienden Drängen der Schlacht dahingestürmt waren auf dem schlammigen Pfad und den grasverwucherten Lichtungen, wo Granaten geheult und Kugeln gepfiffen hatten, da war es jetzt still und ruhig und friedlich wie auf einsamem Buschweg. Hinter uns lag der Verbandplatz; vor uns in der Ferne die Hügel. Auf dem Weg selbst begegneten wir keinem Menschen. Dann und wann nur tauchten abseits in den Lichtungen Soldatengestalten auf, die tiefgebückt mit Hacke und Spaten hantierten, und hie und da ertönte leise abgedämpfter Trompetenklang, als letzte Ehrung über einem Grab geblasen. Die verstreuten Toten, die ihr Schicksal auf versteckter Stelle im Dschungel ereilt hatte, wurden aufgesucht und begraben. Langsam tappten wir vorwärts. Der graugelbe Schlamm war oben schon verkrustet und verstaubt in der Gluthitze, aber unter der dünnen Schicht verbarg sich zähflüssiger Morast, in den man tief einsank bei jedem Schritt. Durch das Baumlaub drangen heiß und stechend die Sonnenstrahlen. Wie erstarrt schienen Bäume und Büsche. Kein Blatt raschelte, kein Grashalm regte sich —

Ich blieb stehen und trocknete mir den Schweiß von der Stirne. »So heiß haben wir’s noch nicht gehabt!« murrte ich. »Herrgott, die Hitze ist kaum zum Aushalten! Und wie dumpfig und sonderbar das riecht!«