Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmöglich. Wenn auch die altmodischen Geschütze des alten Kastells nicht viel taugten, so schützten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und zahllose Seeminen. Die Amerikaner begnügten sich damit, die dicken Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren, aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in den ersten Tagen der Blockade einen tollkühnen Versuch, die schmale Hafeneinfahrt so zu versperren, daß dem spanischen Geschwader ein Passieren unmöglich würde.
Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgeführt. Ein großer Kohlendampfer, der »Merrimac«, ein hundertundzwanzig Meter langes Schiff, sollte der Türriegel des Felsentors werden. Seine Unterwasserventile und besonders gebohrte Löcher unter der Wasserlinie wurden nur leicht geschlossen und durch hölzernes Hebelwerk so schwach gestützt, daß die Erschütterung einer schweren Explosion die Verschlüsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mußte. Im Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brücke aus elektrisch entzündet werden konnten. Hobson wollte den »Merrimac« mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So daß es wie ein Querdamm die schmale Wasserstraße sperrte. Das Unternehmen mußte aller Voraussicht nach das Leben der Männer kosten, die diesen schwimmenden Türriegel lenkten.
Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausführung. Der »Merrimac« mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krümmung der Wasserstraße verborgen waren. Nur ein einziger Schuß traf. Aber dieser eine Schuß zerschmetterte das Steuerruder des »Merrimac« in dem Augenblick, als Hobson die Mine springen ließ. Die Wendung, die das sinkende Schiff ausführen sollte, wurde dadurch unmöglich, der »Merrimac« trieb noch ein Stück weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die Fahrtrinne freilassend. Der Plan war mißglückt. Leutnant Hobson und die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und konnten in das Boot springen, das der »Merrimac« mit sich schleppte. Aber ein Entkommen war unmöglich, und sie mußten sich der Pinasse eines spanischen Kriegsschiffs gefangen geben.
Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ...
Nach der Schlacht vom San Juan-Hügel wurde die Lage des spanischen Admirals unerträglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so mußte die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrühmliche Uebergabe seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne daß es sich ernstlich mit dem Gegner gemessen hatte.
Admiral Cervera beschloß den Durchbruch.
Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, daß das amerikanische Schlachtschiff »Massachusetts« verschwunden sei und der Panzer »New York«, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson, nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit für günstig.
Das spanische Geschwader bestand aus den vier großen Schlachtschiffen »Infanta Maria Teresa«, »Almirante Oquendo«, »Viscaya« und »Cristobal Colon«, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstörern »Pluton« und »Furor«. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und Schley aus den großen Schlachtschiffen »Massachusetts«, »New York«, »Iowa«, »Indiana«, »Oregon«, »Texas«, »Brooklyn« und einer Reihe von Hilfsschiffen. Die »Massachusetts«, die nach Guantanamo gedampft war, um ihre Kohlenvorräte zu ergänzen, und die »New York«, die Admiral Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen sollte, kamen für den Kampf vorläufig nicht in Betracht.
Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens erschien die »Maria Teresa«, das Flaggschiff des spanischen Admirals, in der Felseneinfahrt. In Abständen von 800 Metern folgten die übrigen spanischen Schlachtschiffe und viel später erst, aus irgend einem unerklärlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstörer. Sie brachen in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen durch künstliche Mittel aufs äußerste gesteigert worden, während die amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische Flotte nach Westen und eröffnete sofort das Feuer.