Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der Dreadnoughts und des sorgfältigen Abwägens von Schiff gegen Schiff, Geschütz gegen Geschütz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer zu glaubendes Märchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden, daß die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den Geschützen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlässigung befanden, das Märchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes vielleicht vorherzusehen — in seinen erstaunlichen Einzelheiten niemals.
Die spanische Flotte ließ das amerikanische Geschwader bald weit hinter sich zurück, und nur ein einziges amerikanisches Schiff, die »Brooklyn«, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglückt. Die »Brooklyn« ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein, und die Schüsse der anderen amerikanischen Schiffe mußten auf so große Entfernungen abgegeben werden, daß sie sehr wenig wirksam waren. Aber der künstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier ließ bald nach, während in den amerikanischen Maschinenräumen fieberhaft gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die Schlacht begann. Die »Oregon« kam an die feindliche Linie heran, dann die »Texas«, und ein furchtbarer Granatensturm fegte über die spanischen Schiffe. »Maria Teresa« und »Almirante Oquendo«, die von ihren Genossen, der »Viscaya« und dem »Colon«, überholt worden waren und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfähig. Treffer in den Geschütztürmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren.
Langsam wandten sie sich der Küste zu und liefen auf den Strand, zerfetzt, zerschossen, brennend.
Das war fünfzehn Minuten nach zehn Uhr. Fünfunddreißig Minuten hatten den gewaltigen Kriegsmaschinen den Garaus gemacht. Fünfunddreißig Minuten in einer Hölle von Flammen und Verderben. Viele der spanischen Matrosen sprangen in ihrer Todesangst über Bord und versuchten, an Land zu schwimmen. Doch kubanische Insurgenten, die in der Nähe des Strandes kampierten, waren herbeigelaufen und feuerten erbarmungslos auf die Unglücklichen im Wasser, bis ein amerikanisches Schiff Mannschaften landete und die Bestien mit dem Bajonett vertrieben wurden.
Zwanzig Minuten nach den vier spanischen Schlachtschiffen waren die beiden schnellen Torpedobootzerstörer »Pluton« und »Furor« zwischen den Felsenwänden erschienen und von den amerikanischen Schlachtschiffen »Iowa« und »Indiana« beschossen worden, die aber ihr Hauptaugenmerk auf die großen spanischen Panzer richten mußten. Die Zerstörer wurden schwer beschädigt, waren aber nicht kampfunfähig. Vernichtet wurden sie durch — ein winziges, ungepanzertes, amerikanisches Schifflein, eine kleine Yacht, die eine einzige Granate zerfetzt hätte.
Admiral Plüddemann schreibt in seinem Werk »Der Krieg um Kuba«:
»Immerhin lag die Gefahr vor, daß sich die Zerstörer vermöge ihrer großen Schnelligkeit dem Feuerbereich der Schiffe bald entziehen würden. Da trat die >Gloucester< in Aktion. Dieses Fahrzeug war vor dem Kriege eine Privatyacht mit Namen >Corsair< gewesen, es hatte eine hohe Geschwindigkeit und war durch Armierung mit Schnell-Lade-Kanonen in einen, sozusagen, Hilfstorpedobootszerstörer verwandelt worden.
Als die ersten Schiffe in der Hafeneinfahrt erschienen, dampfte >Gloucester< mit mächtiger Fahrt darauf zu und ließ den Dampfdruck hoch gehen, da das Erscheinen auch der Zerstörer mit Sicherheit zu erwarten war. Als diese etwa zwanzig Minuten später herauskamen, dampfte sie mit 17 Knoten Fahrt darauf zu, engagierte die schon durch die Panzerschiffe schwer Beschädigten dann auf nahe Entfernung und zerschoß sie, ohne selber getroffen zu werden, dermaßen, daß der >Furor< 15 Minuten nach dem Auslaufen bei einem letzten Versuch, die Hafeneinfahrt wieder zu gewinnen, in sinkendem Zustande auf den Strand gesetzt wurde, während der >Pluton< wenige Minuten später in tiefem Wasser sank. >Gloucester< rettete, was noch an Menschenleben zu retten war und mit den Wellen kämpfte, und folgte dann den Panzerschiffen.«