Das Wunder war geschehen. Eine kleine ungeschützte Yacht, die trotz ihrer Schnellfeuerkanonen den Namen eines Kriegsschiffs nicht verdiente, und von der niemals mehr erwartet worden war, als das Aufbringen von Handelsschiffen mit Kontrebande, hatte zwei spanische Zerstörer in den Grund geschossen, die ihr einzeln schon in jeder Beziehung weit überlegen waren.
So hatte eine kleine halbe Stunde zwei Schlachtschiffe des spanischen Geschwaders und zwei schnelle Zerstörer von hohem Gefechtswert vernichtet. Uebrig blieben die Schlachtschiffe »Viscaya« und »Cristobal Colon«.
Der »Cristobal Colon« schien als einziges spanisches Schiff dem Verderben zu entrinnen, denn seine Geschwindigkeit wurde immer größer, und bald war er außer Gefechtsweite weit draußen auf dem Meer. Auf die unglückliche »Viscaya« aber konzentrierte sich nun das Feuer von drei amerikanischen Panzern: »Brooklyn«, »Oregon« und »Texas«.
Binnen wenigen Minuten kam das Ende, wie es kommen mußte. Das schwer verwundete Schiff schleppte sich brennend dem Strande zu und lief auf. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, die das vordere Drittel der »Viscaya« in Fetzen zerriß. Ein Torpedo entweder, der schußbereit im Lancierrohr lag, oder eine Munitionskammer war von einer amerikanischen Granate getroffen worden. Die gräßlichen Szenen beim Stranden der »Infanta Maria Teresa« und des »Almirante Oquendo« wiederholten sich. Halbverbrühte, schwerverwundete Männer, die beinahe wahnsinnig geworden waren in der Todesangst dieser Minuten in der Hölle, kämpften zu Hunderten in den Fluten — und aus den amerikanischen Feinden wurden warmherzige Lebensretter, die Hals über Kopf die Boote bemannten. Nicht nur fischten sie die Unglücklichen in den Wellen auf, sondern sie holten unter schwerster Lebensgefahr die armen Verwundeten aus den brennenden spanischen Schiffsräumen, deren Munitionskammern jeden Augenblick in die Luft fliegen konnten. Admiral Cervera, schwer verwundet, wurde unter feierlicher Stille an Bord eines amerikanischen Panzers geleitet und mit militärischen Ehren empfangen. Mannschaften und Offiziere salutierten stumm, als er seinen Degen dem Sieger hinreichte. Sämtliche Kommandeure der spanischen Schlachtschiffe waren verwundet worden; zwei, der Kommandant der »Maria Teresa« und der Chef der Zerstörerflottille, hatten den Tod gefunden.
Unterdessen war in jagender Fahrt die »New York« mit Admiral Sampson auf dem Kampfplatz erschienen. Sie folgte der »Brooklyn«, der »Oregon«, und der »Texas«, die Oel feuerten und in immer größerer Geschwindigkeit dem »Cristobal Colon« nachjagten. Ueber zwei Stunden dauerte die Verfolgung. Um 12 Uhr 50 Minuten waren die »Brooklyn« und die »Oregon« so nahe an den Feind herangekommen, daß das Feuer eröffnet werden konnte. Der Kapitän des »Colon« sah, daß das Schicksal seines Schiffes besiegelt war. Um den »Colon« dem Feind zu entziehen, ihn zu vernichten und doch die Mannschaft zu retten, wandte auch er und lief in sausender Fahrt auf den Strand. Der »Cristobal Colon« sank in sieben Meter tiefem Wasser.
So war die Seeschlacht von Santiago de Cuba geschlagen und das spanische Geschwader bis auf das letzte Schiff zerstört.
Hunderte von Menschenleben und Millionen und Abermillionen an schwimmendem Kriegsmaterial hatten die wenigen Minuten dem spanischen Königreiche gekostet. Die Tabellen der Verluste der beiden Flotten lesen sich wie eine Fabel. Vier gewaltige Panzer und zwei Zerstörer hatte der Tag Spanien geraubt — von den amerikanischen Schlachtschiffen war kein einziges schwer beschädigt oder auch nur so verletzt worden, daß es seine Gefechtsfähigkeit beeinträchtigt hätte! Sechshundert spanische Matrosen waren im Kampf getötet worden oder in den Fluten ertrunken, hundertfünfzig Schwerverwundete und vierzehnhundert Gefangene, von denen viele verwundet waren, nahmen die amerikanischen Schiffe auf.
Die Amerikaner aber hatten nur einen einzigen Toten und einen einzigen Verwundeten, beide auf der »Brooklyn«!
Ein Märchen. Ein Wunder. Eine kaum glaubliche Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs, die gar nachdenklich stimmen mag. Nicht Panzerwerte und Geschützzahl allein sind es, die eine Seeschlacht entscheiden, sondern der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone.