Es war einer der öffentlichen Empfangstage heute, an denen jeder anständig gekleidete Mensch ohne vorherige Anmeldung sich im Weißen Haus einfinden und dem Repräsentanten des amerikanischen Volks die Hand schütteln durfte.
Neugierig schloß ich mich der Reihe an. Langsam ging es durch den Park hindurch, breite Stufen empor, durch ein Portal, ein einfaches Vorzimmer — immer im Gänsemarsch — und in einen Saal dann, der gedrängt voll Menschen war. An den Seiten war eine schmale Gasse für die wandelnden Reihen freigelassen. Ich bemerkte einige Offiziere, einen bekannten Minister, und viele Kongreßmitglieder. Während des langsamen Vorwärtsschreitens wurde man gründlich gemustert von scharfblickenden Herren, die offenbar Detektive des amerikanischen Geheimdienstes waren. So wandelte man und kam endlich zu einem Herrn im einfachen Gehrock, der mit lächelnder Miene bei einem Stuhl stand. Das war William McKinley, Präsident der Vereinigten Staaten. Mir schien, als sei auf dem bartlosen, außerordentlich scharfgeschnittenen Gesicht das Lächeln festgefroren. Man lächelte auch, denn die stereotype Liebenswürdigkeit wirkte ansteckend, streckte die Hand aus, das Beispiel des Vormannes nachahmend, und plötzlich schoß die Präsidentenhand hervor, gewaltig zupackend, eine Sekunde lang... Mir taten die Finger weh. In einer Sekunde war alles vorbei, der Händedruck, das Lächeln, die leichte Verbeugung. Im Weitergehen wandte ich den Kopf und sah drei- oder viermal die völlig gleiche Bewegung — die Präsidentenhand schoß immer im völlig gleichen Winkel hervor, packte, ließ los...
»Weshalb drückt er so fest?« fragte der Mann vor mir den riesigen Polizisten am Ausgang.
»Weil er sich seine Fingerchen nicht etwa von dir zerdrücken lassen will, mein Sohn,« grinste der Polizist, »sondern lieber selber zugreift!«
Da begriff ich, daß Holzhacken eine leichte Erholung war, verglichen mit der grauenhaften Arbeit, einigen Tausenden von Menschen die Hand drücken zu müssen, und stellte mir vor, daß neugewählte Präsidenten der Vereinigten Staaten wohl viel Kummer und Elend an ihrer rechten Hand erleben, bis sie den richtigen Trick des Händeschüttelns heraus haben. Die Veranstaltung selbst aber, die den Amerikanern ein großartiges Sinnbild amerikanischer Freiheit erscheint, kam mir außergewöhnlich idiotisch vor.
Langsam ging ich die Avenue zurück.
Und im Dahinschlenkern nahmen die Zukunftsgedanken Form und Gestalt an. Zurück zur Zeitung also. Für jede Arbeit jedoch brauchte man einen günstigen Boden, und das war Washington keinesfalls. In Washington wurde politisch geschachert, gesellschaftelt, politisiert, bürokratisiert; alle Fäden seiner Bedeutung liefen zusammen im Weißen Haus, in den Ministerien, in den Repräsentantenhäusern des Senats und des Kongresses. Die Washingtoner Zeitungen beschäftigten sich übermäßig mit politischem Klatsch und ihr lokaler Teil war fast ausschließlich gesellschaftlichen Dingen gewidmet. Guter Boden für einen Politiker. Für mich nicht. Fort aus Washington.
Punkt zwei erledigt.
Augenblicklich rannte ich zu dem Hotel zurück, als sei es schade um jede Minute, die ich hier noch verbrachte. In den fünf Minuten, die ich zu dem kurzen Weg brauchte, war mein Entschluß gefaßt. So übermächtig das alte verräucherte Reporterzimmer in San Franzisko und seine lieben Menschen, seine frohe Hetzarbeit auch winkten und lockten, so sehr wehrte sich irgend etwas in mir gegen eine Rückkehr nach dort. Man soll nicht da Geselle sein wollen, wo man Lehrling war, weil die anderen den Lehrling von dereinst nur schwer vergessen. Und daß ich keiner mehr war als Zeitungsmann und mit dem Handwerkszeug so gut umgehen konnte wie einer, davon war ich höchlichst überzeugt. Was ich brauchte, war also eine große Stadt mit sehr großen Zeitungen —